Mittwoch, 11. August 2010

Megablöd


Die Gefühlskonserve ist das Blog des Münchner Kulturtäters Deef Pirmasens. Verglichen mit der Gefühlskonserve sehen die meisten Schweizer Blogs ziemlich alt aus. Deef Pirmasens ist der Blogger, der Helene Hegemanns Plagiat aufgedeckt hat. Von einem solchen Scoop können die Schweizer Blogger nur träumen.

Der Running Gag der Gefühlskonserve sind Fotos von Coiffeursalons mit birnenweichen Namen. Diese Rubrik gefällt mir ausgezeichnet. Deshalb ist es mir eine besondere Ehre, zu beweisen, dass die Schweizer Coiffeure ihren deutschen Kollegen in nichts nachstehen, wenn es gilt, schwachsinnige Namen für ihren Salon zu erfinden. Zwecks Beweisführung kupfere ich Deefs Rubrik ganz einfach ab, oder besser gesagt, ich helvetisiere sie.

Den Anfang macht das Foto eines Zürcher Coiffeursalons mit einem megablöden Namen. Hier zeigt sich archetypisch der Mechanismus, der zu birnenweichen Coiffeursalonnamen führt: Der Name darf mit dem Gewerbe möglichst wenig zu tun haben. Gut ja, der Fön ist ein Werkzeug des Coiffeurs. Aber das Megafon ist es wirklich nicht.

Foto: Bobby California

Dienstag, 27. Juli 2010

Das verpasste Konzert des Jahres


Les Compagnons, Buffet de la Gare, Gijounet (Département Tarn), 28. März.

Dienstag, 20. Juli 2010

Burgunder aus dem Tetrapack


«Auf den Inhalt kommt es an, nicht auf das Medium», schreibt ein anonymer Kommentator im Kommentarfeld dieses Blogs. Und er fügte dieser Platitüde eine weitere hinzu: «Es gibt Zeitungen, die arbeiten genau und seriös. Andere nicht. Bei Blogs ist das genau so.»

Wirklich? Ich glaube, es ist Zeit, dass wir aufhören, auf eine so oberflächliche Weise über Medien zu diskutieren. Es kommt nur auf den Inhalt an, nicht auf das Gefäss: Bei einem guten Burgunder würde niemand auf die Idee kommen, so etwas zu behaupten. Den Burgunder wollen wir aus einer Glasflasche trinken, nicht aus einem Tetrapack und auch nicht aus einer Petflasche. Nur bei den Medien darf man ungestraft sagen, es komme nur auf den Inhalt an, nicht auf das Gefäss. Denn es sind ja schliesslich nur Buchstaben, gell?

Der deutsche Medienwissenschaftler Norbert Bolz begnügt sich nicht mit Oberflächlichkeiten. Er denkt einen Zacken weiter. In einem Interview mit der Zeitschrift Focus sagte er (online nicht zugänglich):

«Nur bei Printmedien sind Reflektiertheit, Distanziertheit und guter Wille zum Stil durch das Medium gesetzt.»


Gemeint ist: Bei internetbasierten Medien, Blogs, Online-News-Seiten und Apps aller Art behindern die Produktionsbedingungen den Willen zur Reflektion und zum Stil.

Nicht dass ich mit allem einverstanden wäre, was Bolz so rauslässt. Aber wo er recht hat, hat er recht. Dass das Medium den Inhalt und die Wahrnehmung beeinflusst, hat schon Marshall McLuhan vor einem halben Jahrhundert gezeigt: The medium is the message. Leider droht dieser Aspekt immer wieder in Vergessenheit zu geraten, wenn über Medien diskutiert wird.

Samstag, 17. Juli 2010

Vrément schwette

Leserinnen und Leser dieses Blogs wissen es: Georges Perec hat in seinem Werk «La Disparition» auf Wörter verzichtet, die den Buchstaben E enthalten. Ein paar Jahre später hat er das Spiel noch um einen Zacken weiter getrieben: Im Roman «Les Revenentes» verwendete Perec nur Wörter mit E. Das war wesentlich schwieriger und ging nur mit einigen Kunstgriffen, wie das folgende Müsterchen verdeutlicht:

Stephen Brewster besse le sleep et révèle les gemmes de ses encêtres: Mezette! le membre est tellement grend qe c'en est vrément éléphentesqe. Mets le schwette, le vrément vrément schwette, c'est qe le mec se l'est grémenté de seelwettes dentelées lesqelles représentent presqe perfètement les Rènes d'Engleterre, de Perse et de Grèce!

Um sein Konzept durchhalten zu können, verwendete Perec etliche englische Wörter, oder er wich auf unorthodoxe Schweibweisen aus:
sleep = slip
grend = grand
qe = que
vrément = vraiment
schwette = chouette
seelwettes = silhouettes
usw.

Mittwoch, 7. Juli 2010

Highlife oder Hell?

«Exile on Main Street» ist eines der besten Rock-Alben. Und es ist, as far as I'm concerned, das beste Album der Rolling Stones. Es enthält keine Hits à la «Brown Sugar» oder «Honky Tonk Women», aber vier Plattenseiten mit unverdünnter Leidenschaft, kompromisslos auf den Punkt gebrachte Musik, brillant gespielt, kurz: «a really soulful record» (Don Was). Der neue Film «Stones in Exile» verspricht, die Entstehungsgeschichte des Albums zu erzählen, das die Stones im Sommer 1971 in einer Villa in der Nähe von Nice aufnahmen, die die Gestapo dreissig Jahre vorher als südfranzösisches Hauptquartier benützt haben soll.

Das gibt's doch nicht, dachte ich, als ich den Film zum ersten Mal sah. Noch und noch kommen in «Stones in Exile» Beteiligte und Zaungäste zu Wort, und alle zeichnen das Bild einer Band, die eine gute Zeit in Südfrankreich verbrachte: «Highlife, wonderful» sei es gewesen, sagt Mick Taylor, eine «unglaublich kreative Periode». «It was pretty cool», meint Producer Andy Johns. Die Stones seien «ganz entspannt» miteinander abgehängt, erzählt Bill Wyman.

Bevor ich mir den Film reinpfiff, hatte ich ein Buch gelesen, das eine ganz andere Geschichte erzählt: «Exile on Main Street – A Season in Hell with the Rolling Stones» des amerikanischen Schreibers Robert Greenfield. Das 2006 erschienene Buch liest sich wie eine Abfolge von Autounfällen, Schlägereien, Drogengeschichten, Promiskuität und Intrigen. Das reine Chaos, eine monatelange Katastrophe. Wenn man Robert Greenfields Worte für bare Münze nimmt, waren die Stones eher eine Bande von gestörten Kriminellen als eine geniale Rockband. Der Film «Stones in Exile» verliert kein Wort über die Autounfälle, Promiskuität und Intrigen. Nun, der Film war koproduziert von Mick, Keith and Charlie.

Wer erzählt die wahre Geschichte? Der Film «Stones in Exile» oder Robert Greenfield? War der Sommer, den die Stones in Südfrankreich verbrachten, eine entspannte, kreative Zeit oder eine Saison in der Hölle?

Keine Ahnung. Und ehrlich gesagt, ist es mir egal. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen. Und bei einer Band, die sich schon immer meisterhaft in Szene zu setzen wusste, ist es nicht so interessant, zwischen Wahrheit und Fiktion zu trennen.

Montag, 28. Juni 2010

Die Wiederkäuer


In einem episch langen Interview auf Rebell Teevau äusserte Ronnie Grob den Satz:

«Blogs sind die neuen Zeitungen.»

Abgesehen davon, dass Ronnies Satz ziemlich anmassend ist – wie will ein Hobbyblogger, der für Gotteslohn und eine Handvoll Kachingle-Cents arbeitet, seine Leistung vergleichen mit einer professionellen Redaktion, die aus dutzenden oder hunderten Leuten besteht: Ein Blick in einige Blogs zeigt, dass Ronnie Grobs Sentenz reines Wunschdenken ist.

Die Wahrheit sieht düsterer aus. Blogs sind nicht die neuen Zeitungen: Blogs sind vielmehr die ALTEN Zeitungen. Denn viele Blogger begnügen sich damit, den Inhalt der Zeitung von gestern (oder vorgestern, oder vor-vor-vorgestern) wiederzukäuen und mit einem launigen Spruch zu garnieren.

Tatsache ist: Wenn es keine Zeitungen gäbe, würden die meisten Blogs innert weniger Tage eingehen – weil sie keine Quellen mehr hätten, von denen sie abschreiben können. Ähnlich katastrophal würde sich für die Blogger die Einführung von Paywalls auswirken. Kein Wunder, sind die Blogger dagegen.

Ein Blick in einige Blogs bestätigt den Befund:

- Ugugu hat am 25. Juni einen Artikel der Zeit wiedergekäut und seither nichts selber geschrieben;

- die «Most Popular Page» im Bugsierer-Blog ist seit Wochen die Tirade gegen den Berner Sprachleitfaden. Die (falsch abgeschriebenen) Informationen dazu stammen aus dem Blick;

- und Ronnie Grob? Sein neustes Blogpost stammt ebenfalls vom 25. Juni. Er hat sich dabei ebenfalls bei einer Zeitung bedient, diesmal ist es der Tages-Anzeiger (wenn die Quelle auch fälschlicherweise als «Newsnetz» deklariert war).

Donnerstag, 24. Juni 2010

Alfred Eschers Herrenbahn versinkt im Grün













Was aussieht wie eine Waldwiese, ist der Schauplatz einer der erbittertsten Wirtschaftskriege des 19. Jahrhunderts.
Mit einigen Eisenbahnkilometern durch Niemandsland zwischen Bülach und Baden wollte Alfred Escher der Nationalbahn das Wasser abgraben. Die Nationalbahn war ihrerseits ein Projekt der Winterthurer Demokraten, die mir ihrer Linie Alfred Eschers «Herrenbahn» den Kampf ansagten. Die wackeren Winterthurer hatten gute Karten: die Nationalbahn besass nämlich die kürzeste Linie zwischen Winterthur und Baden. Grund genug für Alfred Escher, seinerseits eine neue Linie zu bauen, die noch kürzer war. Sobald sie ihren Zweck erfüllt hatte, nämlich die Nationalbahn in den Konkurs zu treiben, war sie nutzlos. 1937 legten die SBB die Linie still, 1969 wurde sie grösstenteils abgebrochen. Bis vor einigen Jahren wurden hier die Eisenbahnwagen des Zirkus Knie abgestellt. Doch seit Knie nicht mehr die Bahn benützt, wird Alfred Eschers Nationalbahn-Konkurrenzlinie immer grüner. Bald wird man davon nichts mehr sehen.