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Sonntag, 25. Dezember 2011

Gebrauchsanweisung

1. Ich fütterte dieses Blog zwischen Februar 2010 und Juli 2011. Es war mein erstes Blog. Gestartet habe ich es aus zwei Gründen:

a) Um auszuprobieren, welche Themen ich in einem Blog an die Öffentlichkeit tragen kann. Ich wollte ein Blog haben, das ähnlich wie ein Zettelkasten funktioniert: Wenn ich etwas sehe oder höre, das ich aus irgend einem Grund spannend finde, wollte ich darüber schreiben.

b) Ein wichtiges Thema war für mich die Entwicklung der Medien, weil ich als Journalist arbeite. Ich nahm eine Reihe von Aussagen unter die Lupe, die in Mediendebatten immer wieder zu lesen sind. Aussagen wie: Blogger hätten den professionellen Medien ihr bisheriges Informationsmonopol entrissen. Oder die Meinung eines Bloggers, der bestimmt vielen anderen aus dem Herzen sprach: Blogger würden die gleiche Arbeit machen wie Journalisten, nur gratis. Aus den gleichen Kreisen war immer wieder zu hören, journalistische Texte müssten grundsätzlich gratis verfügbar sein. Eine Reihe von Texten in diesem Blog ging der Frage nach, ob das stimmt.

2. Ich führte dieses Blog unter dem Pseudonym Bobby California. Der Name stammt von einem Song des genialen kalifornischen Produzenten, Songschreibers und Sängers Curt Boettcher. Im gleichnamigen Song heisst es: «Changed my name to Bobby California». Also machte ich das Gleiche. Mit der Zeit merkte ich, dass der Auftritt unter Pseudonym nicht mehr zweckmässig war. Deshalb entschied ich mich, fortan im Internet unter meinem bürgerlichen Namen aufzutreten. Ich gründete ein neues Blog. Es ist inhaltlich anders ausgerichtet als das Bobby-California-Blog. Die Kategorie a) werde ich weiterhin mit Leidenschaft bearbeiten. Der Kategorie b), also dem Themenbereich «Entwicklung der Medien», räume ich im neuen Blog weniger Platz ein. Das kann sich wieder ändern. Aber im Moment dünkt mich, es wurde dazu alles gesagt, was man dazu sagen kann.

Hier gehts weiter.

Mittwoch, 6. April 2011

Zehn Unterschiede zwischen Bloggern und Journalisten


Guardian-Chefredaktor Alan Rusbridger schrieb kürzlich einen Artikel mit dem Titel «Gutenberg für alle» in der Zeitschrift «Der Freitag». Sein Text wurde von einigen Bloggern mit warmem Applaus quittiert:

«Auf der einen Seite hat das Web 2.0 wenig Geheimnisvolles. Es geht um den Umstand, dass auch andere Leute gerne Dinge machen, die wir Journalisten machen. Wir erschaffen gerne Dinge – Worte, Bilder, Filme, Grafiken – und veröffentlichen sie. Das macht offensichtlich auch vielen anderen Menschen Spaß. Seit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg hatten sie dazu 500 Jahre lang keine Möglichkeit. Aber jetzt können die Menschen sogar viel mehr und einfacher veröffentlichen als jemals zuvor. Und dieser revolutionäre Umbruch ereignete sich während eines Wimpernschlages.»

Diese Passage in Rusbridgers Text hat zu Missverständnissen Anlass gegeben. So schreibt der Mittelschullehrer und Blogger Philippe Wampfler in seinem Blog:

«Ich mache Dinge zum Spass, für die Journalisten bezahlt werden.»

Nichts ist falscher. Zwar gehört Philippes Blog zu den qualitativ besseren Schweizer Blogs. Doch was Philippe Wampfler in seiner Freizeit macht, also Bloggen, hat mit professionellem Journalismus nur ganz wenig zu tun. Da ich beide Seiten kenne, da ich Journalist und Blogger bin, ist es mir ein wichtiges Anliegen, die wesentlichen Unterschiede zwischen Blogs und professionellem Journalismus zu zeigen:

1. Journalisten wenden einen grossen Teil ihrer Arbeitszeit für die Themenfindung auf. Um spannende Themen zu finden, sprechen Journalisten mit vielen Leuten, lesen so viele Zeitungen und Zeitschriften wie möglich, schauen TV-Sendungen an, durchkämmen Pressetexte von Behörden, Organisationen und Unternehmen, lesen Tweets und Blogs.
Blogger suchen hingegen nicht systematisch Themen. Sie greifen nur Themen auf, auf die sie zufälligerweise stossen, in der Regel, wenn sie ihre Lieblingszeitung lesen.

2. Journalisten haben einen brennenden Ehrgeiz: Sie wollen möglichst viele Primeurs landen, das heisst, sie wollen über Themen schreiben, die noch kein anderer Journalist behandelt hat.
Blogger begnügen sich damit, Artikel über Themen zu schreiben, die schon zahlreiche Journalisten vor ihnen aufgegriffen haben.

3. Journalisten besprechen die Themenwahl in langen Sitzungen mit Kollegen. Das fördert die Qualität, denn oft hat ein Kollege noch eine zusätzliche Idee – oder er findet ein Argument, das gegen einen Themenvorschlag spricht.
Blogger besprechen ihre Themenwahl mit niemandem. Sie schreiben, was sie wollen.

4. Bevor sie einen Artikel schreiben, recherchieren Journalisten sehr lange, oft mehrere Tage oder Wochen lang, bis sie so viel wie möglich über ihr Thema wissen. Sie suchen und lesen Fachliteratur, sprechen mit Betroffenen, mit Behörden, mit Unternehmen, mit Experten, mit Schurken usw.
Blogger recherchieren kaum. Es genügt ihnen meistens, wenn sie einen Zeitungsartikel abschreiben können und ihre persönliche Meinung dazu formulieren können. Fakten kümmern sie nicht gross.

5. Journalisten enthüllen Dinge, die die meisten Leser nicht wissen. Ein bekanntes Beispiel: Die Washington Post konnte beweisen, dass das Weisse Haus hinter dem Watergate-Einbruch stand.
Blogger enthüllen nichts ausser ihrer persönlichen Meinung zu Themen, die schon längst bekannt sind. Blogger sind nur extrem selten in der Lage, Skandale publik zu machen.

6. Journalisten kritisieren oft Firmen oder Behörden. Deshalb nennt man die Medien nicht umsonst die «Vierte Gewalt». Dabei müssen die Journalisten ihre Kritik immer mit Fakten unterfüttern, damit sie nicht angreifbar werden.
Blogger kümmern sich nicht um Fakten. Sie drücken nur ihre subjektive Meinung aus. Deshalb gehören Blogs nicht zur «Vierten Gewalt», sondern sind eher vergleichbar mit Leserbrief-Spalten.

7. Journalisten lassen ihre Texte von Kollegen in der Redaktion gegenlesen, oft zwei- oder dreimal. Das verbessert die Qualität der Texte enorm. Denn Kollegen machen auf sprachliche oder inhaltliche Fehler aufmerksam, die dem Journalisten sonst entgehen würden.
Blogger feuern ihre Texte ohne Gegenlesen raus.

8. Journalisten sind verantwortlich für ihre Arbeit. Sie müssen sich nach der Publikation mit Kritik an ihren Texten auseinander setzen. Manchmal müssen sie sich deshalb sogar vor Gericht verantworten.
Blogger müssen das nicht, denn ihre Texte tun niemandem weh.

9. Professionelle Medienarbeit ist Aufklärung im Dienst der Allgemeinheit. Es ist harte Knochenarbeit und verursacht bei den Journalisten viel Stress, schlaflose Nächte und erhöhten Alkoholkonsum. Deshalb gehören die Journalisten zu den ungesündesten Berufsleuten.
Blogger sind nie gestresst.

10. Die Pflichten und Rechte der Journalisten sind klar definiert.
Blogger nehmen sich viele Rechte heraus und haben keine Pflichten.

Ich hoffe, dass ich verständlich machen konnte, dass man Bloggen nicht mit professionellem Journalismus vergleichen kann. Blogs können den professionellen Journalismus niemals ersetzen.

Freitag, 4. März 2011

«Es war eine Desillusionierung»

Norbert Neininger im Klartext-Interview zur Schweizer Blogger-Szene:

Klartext: Sie twittern auch, bloggen, sind auf Facebook, testen das iPad.
Neininger: Ich wollte diese Erfahrungen selbst machen und mit dem guten Beispiel vorangehen... Im Blog-Bereich ging es mir darum, die Schweizer Blog-Szene kennen zu lernen. Es war eine Desillusionierung: Die nehmen sich wichtiger als sie sind, kommunizieren vor allem unter- und übereinander und freuen sich darüber, wenn der eine zum Blog des anderen einen Link setzt und auch umgekehrt.

Dienstag, 16. November 2010

«Moderne Internetmenschen» und die Zeitung

Ein Burgdorfer Werbegrafiker heimste kürzlich massiven Beifall der Blogger-Szene ein. Grund: In einem Blogpost beschrieb er sich als «modernen Internetmenschen», der auf die Lektüre von Zeitungen verzichte. Er sei «nicht mehr von einem Verlagshaus abhängig», weil er sich «sein persönliches Newspaket selber im Internet zusammenstellen könne.»

Halten wir doch wieder einmal fest, wie die Medienwelt funktioniert. Als Beispiel eignet sich die Berichterstattung über die neusten Vorgänge bei der Basler Zeitung. Am Sonntag titelte die NZZ am Sonntag: «Blocher bestimmt Kurs der Basler Zeitung». Mit diesem Bericht löste die NZZ am Sonntag einen kleinen Aufstand der BaZ-Redaktion aus.

Die Medienblogs nahmen den Ball begierig auf:
- der Medienspiegel zitierte die Newsnetz-Meldung (mit Verweis auf die neckische Titelsetzung «Blocher übernimmt die Macht bei der Basler Zeitung»);
- der Journalistenschredder käute die Meldung der ZPV- und Infamy-Blogs wieder, die ihrerseits ebenfalls die Newsnetz-Meldung zitiert hatten (wenn auch mit unterschiedlich gefärbten Interpretationen);
- das Blog Arlesheim reloaded nahm sich immerhin die Mühe, die Vorarbeit der professionellen Journalisten mit einem eigenen Kommentar anzureichern;
- und das Blog buergler.net rechnete hoch, wie viele BaZ-Leser ihr Abo kündigen könnten.

Fazit: Einmal mehr brachte das von den «modernen Internet-Menschen» viel geschmähte Holzmedium die Sache ins Rollen. Die Blogger betätigten sich wie gewohnt als Wiederkäuer.

Geschenkt: Der Bericht der NZZ am Sonntag ist gratis im Netz sichtbar. Man musste die Printausgabe nicht kaufen, um den Bericht zu lesen. Doch wenn alle so denken würden wie der eingangs zitierte Burgdorfer Werbegrafiker, und wenn niemand mehr die NZZ am Sonntag kaufen würde, und wenn das Blatt folglich nicht mehr existieren könnte, dann würde den Medienblogs sofort der Stoff ausgehen. Denn auch diesmal war kein Blog in der Lage, die Enthüllungsarbeit des Holzmediums zu leisten.

Samstag, 9. Oktober 2010

Beissen Blogger die Hand, die sie füttert?

Blogger sind Wiederkäuer: Mein Befund fand ein grosses Echo. Mit vielen Beispielen konnte ich empirisch belegen, dass sich Blogger gern bei den professionellen Medien bedienen, die sie so gern schmähen. Amerikanische Wissenschaftler haben sich mit dem gleichen Thema befasst. Und sie sind zum gleichen Resultat gekommen.

Bryan Murley, Spezialist für Neue Medien an der Eastern Illinois University und Chris Roberts, Medienwissenschaftler an der University of Alabama veröffentlichten die Studie «Biting The Hand That Feeds: Blogs and Second-Level Agenda Setting». Murleys und Roberts' Befunde wurden in Schweizer Blogs unterschlagen, weil sie nicht zum Selbstbild der Blogger passen. Die Arbeit erschien vor fünf Jahren, ist aber immer noch aktuell. Denn was heute in der Schweizer Blogsosphäre abläuft, ist ein Echo dessen, was vor fünf oder zehn Jahren in den USA lief. Murley und Roberts schreiben:

«Blogger sehen sich als fünfte Macht und als Ausgleich zu den sogenannten Mainstream-Medien. Blogger prahlen gerne, sie könnten die politische Agenda beeinflussen, so wie das früher nur die Mainstream-Medien konnten.»

Die Forscher wollten herausfinden, ob dieses Selbstbild den Tatsachen entspricht. Sie untersuchten die 20 beliebtesten US-Blogs – Gawker, Gizmodo, Michelle Malkin und andere – während drei Tagen:

«Die Analyse der Blogs zeigt, dass Blogger oft Inhalte der Mainstream-Medien wiedergeben und Agenda-Setting auf einer zweiten Ebene betreiben. Fast die Hälfte (49 Prozent) der untersuchten Posts haben mindestens einen Link zu einem Mainstream-Medium. Bei politischen Blogs sind es sogar 56 Prozent. Das beweist, dass Blogger stark abhängig sind von den Mainstream-Medien für einen grossen Teil des Lesefutters, aus dem ihre Webseiten bestehen.

Ausserdem entsprechen viele der Themen in den Blogs denjenigen Themen, die vorher oder gleichzeitig in den Mainstream-Medien diskutiert wurden – ob John Bolton als US-Botschafter bei der UNO nomininert werden soll, oder ob der republikanische Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus Tom DeLay sich unethisch verhalten habe. Eine Geschichte der Mainstream-Medien über die Musik in Präsident Bush's iPod wurde gleichzeitig in acht Blogs kommentiert.»

Für die Forscher ist klar:

«Die meisten Blogs hätten wenig zu sagen, wenn sie nicht Themen aus den Mainstream-Medien beziehen könnten.»

Murley und Roberts gingen auch der Frage nach, warum die Blogs so stark abhängig sind von den professionellen Medien. Ihre Antwort lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig:

«Die meisten Blogs stellen sehr wenig eigene Recherchen an. Nur sechs Prozent aller Blogeinträge enthalten selbst recherchiertes Material. Bei Politik-Blogs sind es sogar nur fünf Prozent.»

Das Fazit der beiden Medienwissenschaftler:

«Blogger sehen sich gerne als Instanz, die unabhängig ist vom Agenda-Setting der Mainstream-Medien. Doch in Tat und Wahrheit folgen sie oft Geschichten, die Reporter der Mainstream-Medien ausgegraben haben. Wenn Blogs eine Rolle haben im Agenda-Setting, ist es eine auf der zweiten Ebene – indem sie Geschichten weiter verbreiten, die die traditionellen Medien lanciert haben. Blogger sind stark abhängig von den Mainstream-Medien für einen grossen Teil ihrer Blog-Einträge. Blogger sagen uns, was wir über Themen denken sollen, von denen andere gesagt haben, dass wir darüber nachdenken sollen.»

Weil das so ist, wird auch klar, warum viele Blogger so nervös werden, wenn jetzt professionelle Medien wie das Magazin Paywalls hochziehen: Ihnen droht schlicht und einfach der Stoff auszugehen.

Dienstag, 20. Juli 2010

Burgunder aus dem Tetrapack


«Auf den Inhalt kommt es an, nicht auf das Medium», schreibt ein anonymer Kommentator im Kommentarfeld dieses Blogs. Und er fügte dieser Platitüde eine weitere hinzu: «Es gibt Zeitungen, die arbeiten genau und seriös. Andere nicht. Bei Blogs ist das genau so.»

Wirklich? Ich glaube, es ist Zeit, dass wir aufhören, auf eine so oberflächliche Weise über Medien zu diskutieren. Es kommt nur auf den Inhalt an, nicht auf das Gefäss: Bei einem guten Burgunder würde niemand auf die Idee kommen, so etwas zu behaupten. Den Burgunder wollen wir aus einer Glasflasche trinken, nicht aus einem Tetrapack und auch nicht aus einer Petflasche. Nur bei den Medien darf man ungestraft sagen, es komme nur auf den Inhalt an, nicht auf das Gefäss. Denn es sind ja schliesslich nur Buchstaben, gell?

Der deutsche Medienwissenschaftler Norbert Bolz begnügt sich nicht mit Oberflächlichkeiten. Er denkt einen Zacken weiter. In einem Interview mit der Zeitschrift Focus sagte er (online nicht zugänglich):

«Nur bei Printmedien sind Reflektiertheit, Distanziertheit und guter Wille zum Stil durch das Medium gesetzt.»


Gemeint ist: Bei internetbasierten Medien, Blogs, Online-News-Seiten und Apps aller Art behindern die Produktionsbedingungen den Willen zur Reflektion und zum Stil.

Nicht dass ich mit allem einverstanden wäre, was Bolz so rauslässt. Aber wo er recht hat, hat er recht. Dass das Medium den Inhalt und die Wahrnehmung beeinflusst, hat schon Marshall McLuhan vor einem halben Jahrhundert gezeigt: The medium is the message. Leider droht dieser Aspekt immer wieder in Vergessenheit zu geraten, wenn über Medien diskutiert wird.

Montag, 28. Juni 2010

Die Wiederkäuer


In einem episch langen Interview auf Rebell Teevau äusserte Ronnie Grob den Satz:

«Blogs sind die neuen Zeitungen.»

Abgesehen davon, dass Ronnies Satz ziemlich anmassend ist – wie will ein Hobbyblogger, der für Gotteslohn und eine Handvoll Kachingle-Cents arbeitet, seine Leistung vergleichen mit einer professionellen Redaktion, die aus dutzenden oder hunderten Leuten besteht: Ein Blick in einige Blogs zeigt, dass Ronnie Grobs Sentenz reines Wunschdenken ist.

Die Wahrheit sieht düsterer aus. Blogs sind nicht die neuen Zeitungen: Blogs sind vielmehr die ALTEN Zeitungen. Denn viele Blogger begnügen sich damit, den Inhalt der Zeitung von gestern (oder vorgestern, oder vor-vor-vorgestern) wiederzukäuen und mit einem launigen Spruch zu garnieren.

Tatsache ist: Wenn es keine Zeitungen gäbe, würden die meisten Blogs innert weniger Tage eingehen – weil sie keine Quellen mehr hätten, von denen sie abschreiben können. Ähnlich katastrophal würde sich für die Blogger die Einführung von Paywalls auswirken. Kein Wunder, sind die Blogger dagegen.

Ein Blick in einige Blogs bestätigt den Befund:

- Ugugu hat am 25. Juni einen Artikel der Zeit wiedergekäut und seither nichts selber geschrieben;

- die «Most Popular Page» im Bugsierer-Blog ist seit Wochen die Tirade gegen den Berner Sprachleitfaden. Die (falsch abgeschriebenen) Informationen dazu stammen aus dem Blick;

- und Ronnie Grob? Sein neustes Blogpost stammt ebenfalls vom 25. Juni. Er hat sich dabei ebenfalls bei einer Zeitung bedient, diesmal ist es der Tages-Anzeiger (wenn die Quelle auch fälschlicherweise als «Newsnetz» deklariert war).

Samstag, 5. Juni 2010

Aufruhr am Zebrastreifen



Die Stammtische schäumen. «Sprach-Irrsinn» zetert der Blick, und auch Tagi-Redaktor Daniel Foppa spricht von «höherem Blödsinn.» Was ist passiert, das den Blutdruck der Schweizer Männer stärker hinaufjagt als gierige Abzocker und bärtige Islamisten?

Alles nur, weil die Berner Fachstelle für Gleichberechtigung einen neuen Sprachleitfaden für die Stadtverwaltung veröffentlicht hat. Die Fachstelle schlägt unter anderem vor, dass die Verwaltung «Zebrastreifen» statt «Fussgängerstreifen» schreiben soll. Berner Machos, die nicht bei der Stadt arbeiten, dürfen selbstverständlich weiterhin Fussgängerstreifen sagen. Die Burgdorfer Machos dürfen auch. Apropos Fussgängerstreifen: In Österreich sagt man «Schutzweg». Ist euch das vielleicht lieber?

Der Sprachleitfaden enthält weitere Vorschläge für geschlechtsneutrale Begriffe wie «Lernende» (statt «Lehrlinge») und «Mitarbeitende» (statt «Mitarbeiter»). Begriffe, die andernorts selbstverständlich sind. Warum also die grosse Aufregung? Keine Ahnung. Zebrastreifen ist doch nicht so schlimm. Es gibt zudem gute Gründe für eine geschlechterneutrale Sprache. Denn unsere Sprache bestimmt unser Bewusstsein.

Der Sprachwissenschaftler Benjamin Lee Whorf zeigte, dass wir so denken, wie wir reden. Whorf hat die Sprache der Hopi mit der englischen Sprache verglichen. Er stellte dabei grundlegende Unterschiede fest. Die Hopi kennen zum Beispiel nur ein Wort für Insekten und Flugzeuge. Aber die Unterschiede gehen tiefer. Die Sprache der Hopi bezieht sich nicht wie unsere auf die Zeit (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft). Stattdessen unterscheiden die Hopi zwischen dem Manifestierten, Objektiven (alles, was unseren Sinnen zugänglich ist) und dem sich Manifestierenden, Subjektiven (alles, was nur im Bewusstsein existiert, auch die Zukunft).

Whorf ist überzeugt: «Die Formulierung der Gedanken ist kein unabhängiger Vorgang – sie ist von der Grammatik jeder Sprache beeinflusst.» Und: «Ein Wechsel in der Sprache kann unsere Auffassung des Kosmos umformen.»

Update 1: Der Burgdorfer Polteri-Blogger Bugsierer hat dem Thema auch ein Blogpost gewidmet, in dem er es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt: «an stelle von vater oder mutter soll der verbeamtete menschling jetzt von elternteil oder – kein witz – das elter sprechen.» Und Frau Zappadong plappert Bugsierers Gegeifer frischfröhlich nach. Dumm nur: Die künstliche Einzahlform «Elter» kommt im Berner Leitfaden überhaupt nicht vor. Das Beispiel zeigt einmal mehr, wie locker manche Blogger mit den Fakten umgehen. Und Bloggerinnen auch.

Update 2: Man sollte auch das Positive betonen. Es gibt auch zwei andere Blogger, die nicht der Hysterie verfallen sind: die Lautsprecherin und Andi Jacomet. Jetzt sind wir schon drei.

Freitag, 30. April 2010

Sara Baker is on Fakebook


«Es gibt ungefähr so viele unterschiedliche Motive zu bloggen, wie es Blogger gibt», schreibt Blogger Ugugu Kowalski im Kommentarteil dieses Blogs. Stimmt. Es gibt viele Blogger. Es gibt aber auch den digital-religiösen Mainstream, dem dieses Blog immer wieder sein Augenmerk schenkt. Einer der verblendetsten Digital-Religiösen ist bekanntlich Ronnie Grob. Wir erinnern uns an sein unsterblich-flachsinniges Bonmot:

«Bei Inhalten, die in einem persönlichen Blog oder auf einer persönlichen Facebook-Seite publiziert werden, habe ich eine hohe Gewissheit, dass es sich um den unveränderten Output der betreffenden Person handelt. Sie sind das authentische Produkt ihres Erzeugers...»

Mit diesen Worten glaubte Ronnie Grob Kurt Imhof widerlegen zu können, der monierte: «Den Informationen eines Blogs oder einer Facebook-Meldung können wir nicht vertrauen.» Klar, dass das einem Digital-Religiösen sauer aufstösst.

Dennoch hat Kurt Imhof recht. Wie recht er hat, zeigt Strappato in seinem sehr lesenswerten Medizin-Blog Stationäre Aufnahme:

«Sara Baker gibt vor, ein Patient wie du und ich zu sein, aber dennoch ist es nur ein Fakeprofil bei Facebook. Erschaffen von dem Unternehmen Medseek, das eHealth-Lösungen verkauft. Bis auf die Enthüllung in den persönlichen Angaben deutet in ihrem Stream nichts darauf hin, dass es sich um ein Marketing-Geschöpf handelt. Sie kommuniziert mit den Facebook-Usern, wenn gleich ihre Status-Updates ein wenig automatisiert und hölzern wirken. Es wird eine catchy emotionale, sehr persönliche Story erzählt: Sara Baker ist schwanger und erwartet Zwillinge. Dank Medseek kann sie sich mehr um die Geburtsvorbereitungen kümmern...»

Strappato's Fazit:

«Mittlerweile twittern Pharmaunternehmen, haben YouTube-Kanäle oder scharen "Fans" bei Facebook um sich. Der Traum ist aus. Die "Healthcare Social Media" Welt verwandelt sich zum Marktplatz der Industrieinteressen.»

Genau davon sprach Kurt Imhof.

Montag, 19. April 2010

Ronnie Grob macht Kasse

In seiner gewohnt penetrant-quengeligen Art fragte Ronnie Grob unlängst den Publizistischen Direktor der Südostschweiz Medien im Medienspiegel:

«Haben Sie denn schon selbst nach Bezahllösungen gesucht? Haben Sie welche gefunden? Wenn ja: werden diese nun umgesetzt, übergreifend oder individuell? Wenn ja: wo sind diese Lösungen zu sehen?»

Eine Antwort erhielt Ronnie bis heute nicht, und er hat auch keine Antwort verdient. In Ronnie Grob's Blog ist jetzt aber eine neue, so übergreifend wie individuell umgesetzte Bezahllösung für Blogs zu sehen. Das Ding heisst Kachingle. Das sei «ein Versuch, Websites, die man mag, mit Mikrozahlungen zu unterstützen», teilt uns Ronnie in seinem gewohnt holprigen Stil mit. Das Schöne daran ist, dass man mit einem Mausklick sehen kann, wer Ronnie Grob mit welchen Beiträgen finanziell unterstützt (Stand 19. April, 19:00):

Frau Zappadong: $0.76
Robin Meyer-Lucht: $0.96
100 Watt Walrus: $0.09
Thinkabout:$1.25
Andreas Thut: $1.76
YPH: $0.13
Cynthia: $0.08
Polkarobot: $0.72
Bill: $0.05
Wolfgang Blau: $1.00

Grand Total seit 18. Dezember 2009: $6.80. Nicht schlecht. Die Summe reicht ungefähr für zwei Currywürste und ist keineswegs zu verachten. Mit zwei Currywürsten kann man unter Umständen das Leben eines unterernährten Bloggers retten.

Recherchen von Bobby California zeigen jedoch, dass fast alle Ronnie-Grob-Supporter dem Blogger-Sumpf entstammen (Frau Zappadong, Thinkabout, Polkarobot, Bill) oder im professionellen Online-Milieu tätig sind (Cynthia, Robin Meyer-Lucht, Andreas Thut, Wolfgang Blau). Mit anderen Worten: Kachingle ist ein selbstreferentielles Nullsummen-Spiel. Denn die meisten Leute, die Blogger via Kachingle finanziell unterstützen, sind, naja, eben: Blogger.

Der grosszügigste Ronnie-Grob-Unterstützer ist übrigens Ronnie Grob himself: Er besuchte sein eigenes Blog 117 mal und überwies sich gleichzeitig via Kachingle $9.05.

Dienstag, 23. Februar 2010

Schweizer Blogs und deutsche Blogs

Ich bin kein Freund von Bestenlisten. Besonders überflüssig finde ich es, wenn die «Journalisten des Jahres» gekürt werden, eine Spezialität der Zeitschrift «Schweizer Journalist», bei der es regelmässig zu Peinlichkeiten kommt wie der Wahl von Christoph Mörgeli zum «Kolumnisten des Jahres».

Die Wahl zum «Journalisten des Jahres 2009» des deutschen Medium Magazin (Schwesterpublikation des «Schweizer Journalist») ist genauso überflüssig, aber in einem Punkt ist die Liste interessant. Unter den ausgezeichneten Journalisten finden sich nämlich drei Blogger:
- Markus Beckedahl von «Netzpolitik»: Nr. 8 in der Kategorie «Politik»;
- Marcus Anhäuser von «Plazeboalarm»: Nr. 6 in der Kategorie «Wissenschaft»;
- Hockeystick und Strappato von «Stationäre Aufnahme»: Nr. 8 in der Kategorie «Wissenschaft».

In der Begründung steht beim Blog «Stationäre Aufnahme»: «...weil sie immer wieder Skandale und Ungereimtheiten aus der Medizin und Pharmaindustrie aufdecken. So waren sie 2009 massgeblich an der Aufdeckung des Regividerm-Märchens beteiligt...»

Tatsächlich sind deutsche Blogger immer wieder in der Lage, mit aufsehen erregenden Enthüllungen aufzuwarten, das neuste Beispiel ist Deef Pirmasens, der in seinem Blog «Gefühlskonserve» Helene Hegemann's massives Plagiat aufdeckte.

In der Schweiz sind die Blogger weit entfernt davon, jemals in eine Bestenliste der Journalisten einzudringen, geschweige denn, irgendwas halbwegs Interessantes zu enthüllen. Anders als ihre deutschen Kollegen gefallen sich die meisten CH-Blogger darin, den professionellen Medien ein ums andere Mal eins ans Bein zu pinkeln und an Kleinigkeiten rumzumäkeln, bis der Letzte kapiert hat, dass die Blogger es besser wissen und alles ganz anders machen würden, wenn man sie nur liesse.

Jeden Tag könnte man eine CH-Blogschau durchführen, und man käme immer zum gleichen Resultat: Schweizer Blogs wären zum Umfallen komisch, wenn sie nicht zum Einschlafen langweilig wären.

Zum Beispiel der Bugsierer schreibt am 20. Februar: «in vancouver scheint es keinen (ausser mir) zu stören, dass einem filmteam das filmen auf einer öffentlichen strasse verboten wird. ich dachte noch: da wird dann die presse am andern tag mal genauer hinschauen. denkste, kein wort...» Big deal, Bugsierer. Natürlich ist die kanadische Zensur störend, aber bei dieser Olympiade ist soviel störend, dass man gar nicht weiss, wo man anfangen soll, sich zu stören, und noch mehr stört mich, dass der Bugsierer kein Post schreiben kann ohne seinen besserwisserischen Unterton.

Oder das von einem eigensinnigen Thurgauer Unternehmer finanzierte Blog Rebell Teevau schreibt heute: «verstanden zu werden ist eine beleidigung», ebenfalls in ach-so-moderner Kleinschreibung. Immerhin hat da einer das Talent, das Wesentliche in einen knappen Satz zu verpacken. Denn soviel ist wahr: Verstanden habe ich noch nie, was Rebell Teevau mir eigentlich sagen will. Offenbar ist das auch gar nicht das Ziel, wie ich dem Beitrag entnehme.

Oder dann Ronnie Grob, der zum x-ten Mal unbedarfte Stammtischparolen verbreitet: «Es wird zu oft vergessen: Staatsgelder sind immer Steuergelder, also Zwangsabgaben, die all jenen, die durch eine Wirtschaftsleistung Geld erwirtschaften, weggenommen wird (sic).»

Amigos – so wird das nix! Mit euren Schlafmützenblogs kommt ihr nie in die Rangliste des «Schweizer Journalisten».