Montag, 25. April 2011

Abt. Birnenweiche Coiffeursalon-Namen


Der Münchner Blogger Deef Pirmasens, Entdecker der Hegemann-Plagiate, sammelt Beispiele von misslungenen Coiffeursalon-Namen. Das hat mich auf die Idee gebracht, mich auch in der Schweiz nach entsprechenden Beispielen umzusehen. Und siehe da, man findet sie auch bei uns auf Schritt und Tritt: verkrampfte, pseudo-originelle Wortspiele, oft mit «Hair». Mein neuester Fund für die immer grösser werdende Sammlung: Ein Coiffeursalon in Stalden VS.

Foto: Bobby California, 24.4.2011

Montag, 18. April 2011

Erotische Kirche

Vor vielen Jahren unternahm ich in einem kalten Winter eine Reise nach La Charité-sur-Loire. Der kleine Flecken liegt wenige Kilometer nördlich von Nevers. Am Rand des Dorfes liegt der Grund meiner Reise: die überdimensionierte ehemalige Klosterkirche Notre-Dame. Eine der schönsten romanischen Kirchen, gebaut zwischen 1059 und 1107. Damals soll sie (nach der Superkirche von Cluny) die zweitgrösste und zweitschönste Klosterkirche Frankreichs gewesen sein, mit einem 122 Meter langen Kirchenschiff. Im Sommer 1559 zerstörte leider ein drei Tage lang dauernder Brand die Kirche von La Charité-sur-Loire. Sechs der zehn Joche des prächtigen Kirchenschiffes sind seither nur noch ansatzweise erkennbar, das nördliche Seitenschiff wurde zu Privathäusern umgebaut, und das Mittelschiff ist nicht mehr überwölbt. In einem Souvenirladen kaufte ich ein paar Postkarten. Und siehe da: eine Postkarte zeigte ein ungewöhnliches Kapitell. Ich habe schon viele romanische Kapitelle angeschaut, die meisten zeigen biblische Geschichten oder irgendwelche Fabeltiere. Doch ein Kapitell, das unverkennbar ein männliches Geschlechtsorgan zeigt, das gibts nur in La Charité-sur-Loire. Und wenn das Kapitell nicht auf der Postkarte abgebildet wäre, dann hätte ich es nie gesehen. Denn das Kapitell prangt nämlich in luftiger Höhe am achteckigen Vierungsturm. Unmöglich, es vom Boden her zu sehen.

Il y a beaucoup d'années j'ai fait un voyage hivernal à La Charité-sur-Loire. Le village est situé quelques kilomètres au nord de Nevers. Près de la Loire se situe le but de mon voyage: l'église surdimensionnée Notre-Dame. Edifiée entre 1059 et 1107, à l'époque on disait qu'elle était la deuxième église par ordre de grandeur et de beauté en France, après celle de Cluny, la nef étant longue de 122 mètres. Malheureusement en été de l'an 1559, une incendie a détruit la nef centrale de Notre-Dame de La Charité-sur-Loire. Dès lors, six des dix travées de la nef latérale septentrionnale furent transformées en maisons privées. Et la nef centrale n'est plus voutée. Dans un magasin de souvenirs j'ai acheté quelques cartes postales. Je n'étais pas mal étonné lorsque j'ai reconnu sur une carte un chapiteau insolite. J'ai vu beaucoup de chapiteaux romanes. La plupart d'eux montrent des histoires bibliques où des animaux fabuleux. Cependant, un chapiteau qui montre un sexe masculin, cela existe nulle part ailleurs qu'à La Charité-sur-Loire. Et si le chapiteau n'était pas visible sur la carte postale, je ne l'aurais jamais vu, puisque le chapiteau se trouve sur la tour octogonale de l'église. Impossible de le voir du pied de l'édifice.

Scan: Bobby California (Click to enlarge)

Mittwoch, 6. April 2011

Zehn Unterschiede zwischen Bloggern und Journalisten


Guardian-Chefredaktor Alan Rusbridger schrieb kürzlich einen Artikel mit dem Titel «Gutenberg für alle» in der Zeitschrift «Der Freitag». Sein Text wurde von einigen Bloggern mit warmem Applaus quittiert:

«Auf der einen Seite hat das Web 2.0 wenig Geheimnisvolles. Es geht um den Umstand, dass auch andere Leute gerne Dinge machen, die wir Journalisten machen. Wir erschaffen gerne Dinge – Worte, Bilder, Filme, Grafiken – und veröffentlichen sie. Das macht offensichtlich auch vielen anderen Menschen Spaß. Seit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg hatten sie dazu 500 Jahre lang keine Möglichkeit. Aber jetzt können die Menschen sogar viel mehr und einfacher veröffentlichen als jemals zuvor. Und dieser revolutionäre Umbruch ereignete sich während eines Wimpernschlages.»

Diese Passage in Rusbridgers Text hat zu Missverständnissen Anlass gegeben. So schreibt der Mittelschullehrer und Blogger Philippe Wampfler in seinem Blog:

«Ich mache Dinge zum Spass, für die Journalisten bezahlt werden.»

Nichts ist falscher. Zwar gehört Philippes Blog zu den qualitativ besseren Schweizer Blogs. Doch was Philippe Wampfler in seiner Freizeit macht, also Bloggen, hat mit professionellem Journalismus nur ganz wenig zu tun. Da ich beide Seiten kenne, da ich Journalist und Blogger bin, ist es mir ein wichtiges Anliegen, die wesentlichen Unterschiede zwischen Blogs und professionellem Journalismus zu zeigen:

1. Journalisten wenden einen grossen Teil ihrer Arbeitszeit für die Themenfindung auf. Um spannende Themen zu finden, sprechen Journalisten mit vielen Leuten, lesen so viele Zeitungen und Zeitschriften wie möglich, schauen TV-Sendungen an, durchkämmen Pressetexte von Behörden, Organisationen und Unternehmen, lesen Tweets und Blogs.
Blogger suchen hingegen nicht systematisch Themen. Sie greifen nur Themen auf, auf die sie zufälligerweise stossen, in der Regel, wenn sie ihre Lieblingszeitung lesen.

2. Journalisten haben einen brennenden Ehrgeiz: Sie wollen möglichst viele Primeurs landen, das heisst, sie wollen über Themen schreiben, die noch kein anderer Journalist behandelt hat.
Blogger begnügen sich damit, Artikel über Themen zu schreiben, die schon zahlreiche Journalisten vor ihnen aufgegriffen haben.

3. Journalisten besprechen die Themenwahl in langen Sitzungen mit Kollegen. Das fördert die Qualität, denn oft hat ein Kollege noch eine zusätzliche Idee – oder er findet ein Argument, das gegen einen Themenvorschlag spricht.
Blogger besprechen ihre Themenwahl mit niemandem. Sie schreiben, was sie wollen.

4. Bevor sie einen Artikel schreiben, recherchieren Journalisten sehr lange, oft mehrere Tage oder Wochen lang, bis sie so viel wie möglich über ihr Thema wissen. Sie suchen und lesen Fachliteratur, sprechen mit Betroffenen, mit Behörden, mit Unternehmen, mit Experten, mit Schurken usw.
Blogger recherchieren kaum. Es genügt ihnen meistens, wenn sie einen Zeitungsartikel abschreiben können und ihre persönliche Meinung dazu formulieren können. Fakten kümmern sie nicht gross.

5. Journalisten enthüllen Dinge, die die meisten Leser nicht wissen. Ein bekanntes Beispiel: Die Washington Post konnte beweisen, dass das Weisse Haus hinter dem Watergate-Einbruch stand.
Blogger enthüllen nichts ausser ihrer persönlichen Meinung zu Themen, die schon längst bekannt sind. Blogger sind nur extrem selten in der Lage, Skandale publik zu machen.

6. Journalisten kritisieren oft Firmen oder Behörden. Deshalb nennt man die Medien nicht umsonst die «Vierte Gewalt». Dabei müssen die Journalisten ihre Kritik immer mit Fakten unterfüttern, damit sie nicht angreifbar werden.
Blogger kümmern sich nicht um Fakten. Sie drücken nur ihre subjektive Meinung aus. Deshalb gehören Blogs nicht zur «Vierten Gewalt», sondern sind eher vergleichbar mit Leserbrief-Spalten.

7. Journalisten lassen ihre Texte von Kollegen in der Redaktion gegenlesen, oft zwei- oder dreimal. Das verbessert die Qualität der Texte enorm. Denn Kollegen machen auf sprachliche oder inhaltliche Fehler aufmerksam, die dem Journalisten sonst entgehen würden.
Blogger feuern ihre Texte ohne Gegenlesen raus.

8. Journalisten sind verantwortlich für ihre Arbeit. Sie müssen sich nach der Publikation mit Kritik an ihren Texten auseinander setzen. Manchmal müssen sie sich deshalb sogar vor Gericht verantworten.
Blogger müssen das nicht, denn ihre Texte tun niemandem weh.

9. Professionelle Medienarbeit ist Aufklärung im Dienst der Allgemeinheit. Es ist harte Knochenarbeit und verursacht bei den Journalisten viel Stress, schlaflose Nächte und erhöhten Alkoholkonsum. Deshalb gehören die Journalisten zu den ungesündesten Berufsleuten.
Blogger sind nie gestresst.

10. Die Pflichten und Rechte der Journalisten sind klar definiert.
Blogger nehmen sich viele Rechte heraus und haben keine Pflichten.

Ich hoffe, dass ich verständlich machen konnte, dass man Bloggen nicht mit professionellem Journalismus vergleichen kann. Blogs können den professionellen Journalismus niemals ersetzen.

Freitag, 25. März 2011

Fremdenfeindlichkeit: Kein Privileg der Schweizer


Auch in Frankreich haben rechtsextreme Parteien die Angst vor Einwanderern als Wahlkampfschlager entdeckt. Besonders unschön zeigen dies die Plakate der Gruppierung «Mouvement Initiative et Liberté» (MIL) in einem Nest irgendwo im Département Bouches-du-Rhône: Neben einem von der SVP inspirierten Slogan Expulsons les délinquants étrangers («Schaffen wir die ausländischen Kriminellen aus») hat sich das MIL einen besonders fiesen Spruch ausgedacht: La France – aimez-la ou quittez-la («Liebt Frankreich oder verschwindet»). Es ist nun also schon soweit, dass man sich anmasst, den Bürgern ihre Gefühle vorzuschreiben: Nur wer genügend «Liebe» gegenüber dem Land empfindet, soll ein Recht haben, hier zu leben.

En France aussi, les partis politiques de droite (et pas seulement de l'éxtreme droite) éxploitent la peur qu'inspire l'immigration aux indigènes. Lors des éléctions cantonales qui sont en cours en ce mois de mars, le «Mouvement Initiative et Liberté» (MIL) collait ses affiches sur les murs d'un petit village quelque part dans le département des Bouches-du-Rhône. Le MIL a non seulement fait imprimer un slogan qui rappelle les propos de l'UDC: Expulsons les délinquants étrangers. Mais le groupe politique de l'éxtrème droite a concocté un propos particulièrement perfide: La France: Aimez-la ou quittez-la. Sommes-nous arrivés au point ou on veut nous préscrire les sentiments que nous devons éprouver vis-à-vis du pays ou nous vivons?

Foto: Bobby California, 14. 3. 2011

Samstag, 12. März 2011

So kauft man heute ein Zugbillett in Zürich HB

Jedes Jahr fahre ich mindestens einmal nach Frankreich. Dabei lassen sich sehr gut die aktuellen Entwicklungen beim Billettverkauf der SBB verfolgen. Jedes Jahr lassen sich die SBB einen neuen Gag einfallen, um den Kunden den Billettkauf möglichst zu vermiesen:

- 2010 führten die SBB die Auftragspauschale International ein: Seither muss ich fünf Stutz extra zahlen, wenn ich den SBB die Arbeit auflade, mir ein Billett zu verkaufen. Der Akt des Verkaufens wird jetzt als kostenpflichtige Dienstleistung betrachtet. Obwohl die SBB mir 2010 erstmals diesen lästigen Zuschlag abknöpften, waren sie nicht in der Lage, mir das gewünschte Billett zu verkaufen: Billette für den Train Express Régional (vergleichbar mit dem Schweizer Interregio) nach Béziers (über 72'000 Einwohner) gibts in Zürich HB nicht. Diese Destination sei nicht im Computer programmiert, beschied man mir. Ich konnte nur ein Billett bis Avignon kaufen. Merke: Der Kunde ist für die SBB da, nicht umgekehrt.

- 2011 weigern sich die SBB, mir am normalen Bahnschalter ein Billett nach Cavaillon zu verkaufen. Unfreundlich, aber bestimmt wurde ich von der Schalterdame ins Reisebüro geschickt. Man müsse die Billette «auseinander nehmen», d.h separate Billette für die Teilstrecken ausstellen, das dauere zu lange für den Bahnschalter, hiess es. Immerhin bekam ich im Reisebüro das gewünschte Billett nach Cavaillon, das hätte ich nicht erwartet nach dem letztjährigen Billettkauf-Erlebnis. Dafür musste ich 25 Minuten warten, bis meine Nummer aufgerufen wurde, und es ging nochmals 15 Minuten, bis die Schalterdame mir das Billett verkaufen konnte. Die 25 Minuten Wartezeit wurden «aufgelockert» durch einen mehrmals wiederholten Kurzfilm auf einem nervigen Grossbildschirm, auf dem die drei Knilche Sergio, Beat und Benoît herumhampeln und für Railaway-Billette werben. Für ein Unterhaltungsprogramm, das 40 Minuten dauert, ist doch fünf Stutz fast geschenkt, oder? Merke: Der Kunde ist für die SBB da, nicht umgekehrt.

Freitag, 4. März 2011

«Es war eine Desillusionierung»

Norbert Neininger im Klartext-Interview zur Schweizer Blogger-Szene:

Klartext: Sie twittern auch, bloggen, sind auf Facebook, testen das iPad.
Neininger: Ich wollte diese Erfahrungen selbst machen und mit dem guten Beispiel vorangehen... Im Blog-Bereich ging es mir darum, die Schweizer Blog-Szene kennen zu lernen. Es war eine Desillusionierung: Die nehmen sich wichtiger als sie sind, kommunizieren vor allem unter- und übereinander und freuen sich darüber, wenn der eine zum Blog des anderen einen Link setzt und auch umgekehrt.

Mittwoch, 2. März 2011

Weltwoche wühlt im Privatleben von Journalisten

Seltsam und unheimlich, wie gut der Blogger Ronnie Grob mit der Weltwoche synchronisiert ist: Vor wenigen Wochen schrieb Ronnie Grob in einem Blogpost und in einem Artikelchen in der Medienwoche, Journalisten seien mehrheitlich links. Diesen Befund stützte er auf methodisch äusserst fragwürdige Studien ab.

Und jetzt geht auch Andreas Kunz von der Weltwoche zum Frontalangriff auf linke Journalisten über: er wühlt im Privatleben der Journalisten und stellt ihnen Fragen zu ihrem politischen Standpunkt. Einerseits ist es belustigend, dass Kunz sich von diesem hemdsärmligen Vorgehen, das an den lächerlichen Fragebogen der SVP erinnert, irgendwelche Erkenntnisse verspricht. Der Fragebogen der Weltwoche sieht wie folgt aus:

Sehr geehrter ………
Im Nachgang zur Nationalratskandidatur von Tagesschau-Redaktor Matthias Aebischer machen wir bei der Weltwoche eine Umfrage bei den wichtigsten SRF-Info-Redaktoren. Im Sinne einer Herstellung von Transparenz gegenüber den Gebührenzahlern möchten wir Ihnen gerne folgende Fragen stellen:

- Sind Sie Mitglied einer politischen Partei? Und wenn ja, in welcher?

- Waren Sie jemals Mitglied einer politischen Partei? Und wenn ja, in welcher?

- Waren Sie jemals auf eine andere Art und Weise politisch aktiv? Und wenn ja, wie?

- Sind Sie oder waren Sie jemals Mitglied in einer wirtschaftlichen Vereinigung oder einem NGO? Und wenn ja, in welcher?

- Sind Sie oder waren Sie jemals aktives Mitglied in einer gewerkschaftlichen Vereinigung? Und wenn ja, in welcher?

Bei Rückfragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung. Für eine Antwort bis spätestens nächsten Montag wäre ich Ihnen dankbar.

Herzlich
Andreas Kunz, Ressortleitung Gesellschaft
DIE WELTWOCHE

Die drei Gewerkschaften SSM, Syndicom und Impressum protestieren gegen die Fragebogen-Aktion: «Die Weltwoche greift damit in die Privatsphäre und die verfassungsmässig garantierten Freiheitsrechte der Journalisten ein. Sie macht die falsche Gleichung, dass jeder Journalist seine professionelle Arbeit nach seinen eigenen persönlichen politischen Präferenzen ausrichten. Wir fragen: Wo sind da die Grenzen? Müssen sich in Zukunft Journalisten auch über ihre Religion ausweisen, weil auch religiöse Fragen Gegenstand der journalistischen Arbeit sind?»

Die Gewerkschafter kritisieren: «Die Weltwoche gibt vor, Transparenz herstellen zu wollen. Es sei daran erinnert, dass ausgerechnet bei der Weltwoche die finanziellen Hintergründe alles andere als offen und klar sind.»

Und die Journalisten-Vertreter erinnern zu recht: «Als einst Norbert Hochreutener für die CVP und Anton Schaller für den Landesring und Filippo Leutenegger für die FDP in den Nationalrat wechselten, gab es keine Folgerungen und Diffamierungen, die Redaktionen der SRG seien einseitig bürgerlich ausgerichtet.»

Die Stellungnahme der drei Gewerkschaften schliessen mit einem Appell: «Wir bitten Sie als Journalisten, diese Aktion der Weltwoche gegenüber Berufskolleginnen und Kollegen zu hinterfragen und allenfalls dagegen zu protestieren.»