Samstag, 22. Januar 2011

Tamedia: Zeit ist reif für Paywalls

«Als ambitionierte/r Pionier/in glauben Sie, dass die Zeit für die Einführung von Paywalls reif ist.»

Der Glaube an Paywalls gehört zu den Eigenschaften, die Bewerber/innen für die jetzt ausgeschriebene Stelle als Product Manager/in «iPad» beim Tages-Anzeiger aufweisen müssen. Gesucht sind «Online- und Mobile-Heavy-User», die «über ein fundiertes Social-Media-Wissen» verfügen. Während die meisten «digital natives» bekanntlich Paywalls fürchten wie der Teufel das Weihwasser, ist es ein gutes Zeichen, dass für Tamedia jetzt «die Zeit für die Einführung von Paywalls reif» ist. Denn nur mit der Elimination des Gratis-Angebots können die Verlage sicherstellen, dass qualitativ hochstehender Journalismus weiterhin finanziert werden kann. Schön, dass diese Einsicht jetzt auf der Tamedia-Chefetage angekommen ist.

Sonntag, 9. Januar 2011

öV mit Glamour-Faktor




Lange bevor Verkehrsbetriebe begannen, die Welt mit langweiligen Norm-Unterständen aus Glas und Stahlprofilen zu verschandeln, konnten die Passagiere der Linie Cittiglio – Bosco-Valtravaglia in Norditalien in diesem wunderschönen Häuschen auf das Tram warten. Es ist ein Unikat, es gibt kein zweites, das so aussieht. Seit Jahrzehnten fahren hier keine Trams mehr. Aber das wunderschöne Wartehäuschen hat bis heute überlebt.

Fotos: Bobby California (Click to Enlarge)

Montag, 20. Dezember 2010

Vom Ländler-Sänger zum Internet-Piraten

«Mi Vater isch en Appizäller»: Der heutige Blogwerk-Chef Andreas von Gunten in den frühen 90er Jahren bei einem Auftritt der Familie Trüeb

Es ist immer wieder erstaunlich, welche Karriereschritte manche Leute hinlegen. Zum Beispiel Andreas von Gunten. Mitte der neunziger Jahre gab er bei der Ländlergruppe «Familie Trüeb» währschaftes Schweizer Liedgut zum besten wie «Mi Vater isch en Appizäller». Das vielleicht grösste Verdienst der Freiämter Truppe war die Wiederentdeckung des grossartigen Liedermachers Artur Beul, dessen zeitlose Werke «Noch em Räge schiint d'Sunne» oder «Am Himmel Stoth es Sterndli» von Gunten & Co in entstaubten Versionen unter die Leute brachten. Unterdessen hat Andreas von Gunten der Volksmusik den Rücken gekehrt, er arbeitet heute als Geschäftsführer der Firma Blogwerk. Und legte einen bemerkenswerten Gesinnungswandel hin, der demjenigen von Filippo Leutenegger – vom Maoisten zum SVP-affinen FDP-Nationalrat – in nichts nachsteht.

Wie manche Internet-Unternehmer bekundet Andreas von Gunten ein Problem mit dem Urheberrecht. In seinem Blog kritisiert er Musiker, die sich gegen Urheberrechtsverletzungen seitens der Erben des berühmten Konzertveranstalters Bill Graham wehrten, als «Vertreter der geistigen Monopolrechte». Im Kommentarfeld seines Blogs wies ich Andreas von Gunten auf seinen Denkfehler hin:

Das ist so, wie wenn ich in die Migros gehe und Lebensmittel für 200 Franken mitnehme ohne zu zahlen, und wenn der Ladendetektiv kommt, sag ich ihm: Ich bin für die Abschaffung der Lebensmittel-Monopolrechte. Oder ich gehe in die Kronenhalle und bestelle ein feudales Menü, und wenn der Kellner mit der Rechnung kommt, sag ich ihm: Ich bin für die Abschaffung der gastronomischen Monopolrechte.

Von Guntens Antwort liess nicht lange auf sich warten:

Man kann Inhalte, sprich Ideen nicht mit materiellen Produkten vergleichen. Darum ist es eben nicht dasselbe, und ich plädiere nicht dafür, in der Migros oder im Restaurant nicht für die Produkte zu bezahlen.

Ganz schön keck, doch mir leuchtet Andreas' Antwort nicht ein. Man kann nämlich geistige Werke sehr wohl mit materiellen Gütern vergleichen: Nicht nur Metzger, Bauern oder Bäcker, sondern auch die Urheber von geistigen Werken brauchen Geld, um ihre Wohnungsmiete, Nahrungsmittel, Kleider usw. zu bezahlen. Wenn aber Leute wie Andreas von Gunten postulieren, für geistige Werke müsse man nichts bezahlen, dann führt das über kurz oder lang dazu, dass niemand mehr bereit ist, geistige Werke herzustellen. Weil man damit kein Geld mehr verdienen kann. Und dann können die Internet-User auch keine geistigen Werke mehr stibitzen – weil es keine mehr gibt.

Erstaunlich ist, dass Andreas von Gunten früher selber Urheber von geistigen Werken war. Noch vor vier Jahren jubelte er in seinem Blog:

Der Vertrag von EMI ist eingetroffen, yeah!

Andreas von Guntens Kriegserklärung an das Urheberrecht ist also nicht nur unlogisch und kurzsichtig, sondern auch inkonsequent. Mit Wonne schiesst der Blogwerk-Chef gegen das Urheberrecht, aber das hindert ihn nicht daran, mit dem Erzfeind einen Vertrag abzuschliessen. Ausgerechnet mit EMI, einer der meist kritisierten grossen Plattenfirmen. Wasser predigen und Wein trinken – oder wie sagt man einem so widersprüchlichen Verhalten?

Samstag, 11. Dezember 2010

«I'm going to have me blood changed»

«Life», die neue Autobiografie von Keith Richards, bereitet mir seit einigen Tagen ein immenses Lesevergnügen. Das hat viel zu tun mit dem unnachahmlichen lockeren Plauderton, den Keith anschlägt (Tipp: unbedingt die englische Originalversion lesen. Das ist nicht einfach ein Rockbuch wie viele andere – die Sprache ist Musik). Und es hat auch viel zu tun mit den süffigen Details aus der Geschichte der Stones, die man da und dort erfährt. Erstaunlich: Fast alle Bandmitglieder kriegen ihr Fett ab. Brian Jones war ein unzuverlässiger Psychopath. Mick Taylor war eine eindimensionale, introvertierte Gestalt. Bill Wyman war ein Frauenheld, der seinen Groupies faden Tee servierte und sie nach zehn Minuten wieder wegschickte. Mick Jagger wird in der ersten Hälfte des Buches kaum erwähnt. Nur mit Charlie Watts scheint Keith Richards immer gut ausgekommen zu sein.

Leser dieses Blogs wissen es: Die Schweiz war in den 70er Jahren das einzige Land, das den genialen Drögeler Keith Richards nicht rausschmiss. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass er im Wallis Unterschlupf fand. Das war schon immer ein Terrain, das Outlaws gut gesinnt war, siehe die Farinet-Geschichte. Aus dieser Epoche möchte ich hier ein Müsterchen wiedergeben, das Keiths Erzählton schön zeigt:

«These necromantics were given a boost by the story that I went to Switzerland to get my blood changed – perhaps the one thing everybody seems to know about me. OK for Keith, he can just go and have his blood changed and carry on. It's said to have been some transaction with the devil deep under the stones of Zurich, face white as parchment, a kind of vampire attack in reverse and the rosiness returns to his cheeks. But I never changed it! That story comes from the fact that when I was going to Switzerland, to the clinic to clean up, I had to land at Heathrow and change planes. And there's the Street of Shame following me, "Hey, Keith." I said, "Look, shut the fuck up. I'm going to have me blood changed." Boom, that's it. And then off to the plane. After that, it's like it's in the Bible or something. I just said it to fob them off. It's been there ever since.»

Keith Richards: «Life». Verlag Weidenfeld & Nicolson, ca. Fr. 46.–

Sonntag, 5. Dezember 2010

Tee im Zug nach Odessa


Von einer resoluten älteren Dame bekommt man unaufgefordert und gratis so ein schönes Teeglas serviert, wenn man im Zug von Riga nach Odessa fährt. Auch heute noch gibt es diese Direktverbindung, der Zug fährt jeden zweiten Tag. Auch das Teeglas stammt aus Sowjetzeiten: es prangen niedliche Sojusraketen auf dem Teeglashalter (podstakannik). Sieht mans auf dem Foto? Leider nicht. Aber ich schwör's, es hat Raketen drauf.

Foto: Bobby California

Dienstag, 23. November 2010

Keith Richards ausschaffen?


Während sich Revisionisten wie Thomas Haemmerli den Kopf darüber zerbrechen, ob man ein schlechtes Gewissen haben muss, wenn man den Gegenvorschlag annimmt (natürlich muss man ein schlechtes Gewissen haben), ist mir etwas Interessantes aufgefallen. In den 70er Jahren galt die Schweiz unter Künstlern als Hort der Freiheit. Vor allem Künstler, die bewusstseinserweiternden Substanzen nicht ablehnend gegenüber standen, schätzten die liberale Haltung der Schweizer Behörden. So sagte der geniale Gitarrist Keith Richards:

«By 1972, about the only country that I was allowed to exist in was Switzerland, which was damn boring for me, at least for the first year, because I didn't like to ski... Nine countries kicked me out, thank you very much, so it was a matter of how to keep this thing together...»

Offenbar war damals wegen der internationalen Jagd auf Rolling-Stones-Mitglieder das Fortbestehen der Gruppe gefährdet.

Nun enthält der Gegenvorschlag eine Bestimmung, die einem Keith Richards zum Verhängnis werden könnte: er sieht nämlich die Ausschaffung wegen eines «schweren Verstosses gegen das Betäubungsmittelgesetz» vor (also auch schwere Fälle von Besitz, Anbau, Aufforderung zum Konsum usw). Ironischerweise ist der Gegenvorschlag in diesem Punkt schärfer formuliert als die Initiative, die nur den Drogenhandel als Ausschaffungsgrund vorsieht. Ein Grund mehr, um auch den Gegenvorschlag abzulehnen.

Donnerstag, 18. November 2010

222 Gründe, Heavy Metal zu hassen

Frank Schäfer weiss, was zieht: Die Liste seiner Buchpublikationen zieren so süffige Titel wie «Die Welt ist eine Scheibe. Rockroman», «Petting statt Pershing. Das Wörterbuch der Achtziger» oder «Kultbücher. Was man wirklich kennen sollte» (wo übrigens «La recherche du temps perdu» fehlt, eine unverzeihliche Auslassung). Das neuste Werk von Frank Schäfer trägt den Titel «111 Gründe, Heavy Metal zu lieben». Wieder so ein enorm knackiger Titel. Dazu möchte ich anfügen, dass ich keinen einzigen Grund kenne, aber dafür fallen mir spontan mindestens 222 Gründe ein, Heavy Metal zu hassen, darunter:

- weil sich der Musikstil seit 40 Jahren nicht wirklich weiter entwickelt hat;
- weil nur Männer diese Musik gut finden – oder Frauen, die auf dem Land leben;
- weil die Musiker so fürchterliche schüttere Matten tragen;
- weil die Musiker extrem humorlos sind und auf den Fotos nie lachen;
- weil die Musiker auf den Fotos oft ihre nackten Unterarme verschränken und grimmig dreinblicken, was total lächerlich aussieht;
- weil man mit einer Gitarre viel mehr anstellen kann;
- weil dieser Musikstil ein extrem enges Repertoire von Ausdrucksmitteln aufweist;
- weil diese Musiker und ihre Fans politisch uninteressiert sind;
- weil diese Musik immer grimmig und aggressiv ist, aber nie fröhlich oder geheimnisvoll;
- weil diese Musiker einen überholten Gitarrenfetischismus pflegen, der einen schnurstracks in die Arme von bleichen Electronica-Fricklern treibt;
- weil diese Musiker am liebsten grauenhafte schwarze Lederklamotten tragen;
- weil fast nur Männer diesen Musikstil spielen und Frauen höchstens als Sängerinnen geduldet sind;
- weil dieser Musikstil auf einem total überholten Macho-Diskurs beruht;
- weil schon die Begründer des Genres (Black Sabbath) eine enorm schmale Palette von musikalischen Ausdrucksformen aufwiesen;
- usw.