Sonntag, 25. Dezember 2011

Gebrauchsanweisung

1. Ich fütterte dieses Blog zwischen Februar 2010 und Juli 2011. Es war mein erstes Blog. Gestartet habe ich es aus zwei Gründen:

a) Um auszuprobieren, welche Themen ich in einem Blog an die Öffentlichkeit tragen kann. Ich wollte ein Blog haben, das ähnlich wie ein Zettelkasten funktioniert: Wenn ich etwas sehe oder höre, das ich aus irgend einem Grund spannend finde, wollte ich darüber schreiben.

b) Ein wichtiges Thema war für mich die Entwicklung der Medien, weil ich als Journalist arbeite. Ich nahm eine Reihe von Aussagen unter die Lupe, die in Mediendebatten immer wieder zu lesen sind. Aussagen wie: Blogger hätten den professionellen Medien ihr bisheriges Informationsmonopol entrissen. Oder die Meinung eines Bloggers, der bestimmt vielen anderen aus dem Herzen sprach: Blogger würden die gleiche Arbeit machen wie Journalisten, nur gratis. Aus den gleichen Kreisen war immer wieder zu hören, journalistische Texte müssten grundsätzlich gratis verfügbar sein. Eine Reihe von Texten in diesem Blog ging der Frage nach, ob das stimmt.

2. Ich führte dieses Blog unter dem Pseudonym Bobby California. Der Name stammt von einem Song des genialen kalifornischen Produzenten, Songschreibers und Sängers Curt Boettcher. Im gleichnamigen Song heisst es: «Changed my name to Bobby California». Also machte ich das Gleiche. Mit der Zeit merkte ich, dass der Auftritt unter Pseudonym nicht mehr zweckmässig war. Deshalb entschied ich mich, fortan im Internet unter meinem bürgerlichen Namen aufzutreten. Ich gründete ein neues Blog. Es ist inhaltlich anders ausgerichtet als das Bobby-California-Blog. Die Kategorie a) werde ich weiterhin mit Leidenschaft bearbeiten. Der Kategorie b), also dem Themenbereich «Entwicklung der Medien», räume ich im neuen Blog weniger Platz ein. Das kann sich wieder ändern. Aber im Moment dünkt mich, es wurde dazu alles gesagt, was man dazu sagen kann.

Hier gehts weiter.

Sonntag, 3. Juli 2011

Tücken des SBB-Tageskartenkaufs

Eine SBB-Tageskarte kaufen? Das klingt einfach. Doch die Automaten halten einen fiesen Fallstrick bereit, wie das folgende Beispiel zeigt.

Am Samstag wollte ich gemütlich durch das Land gondeln – mit einer SBB-Tageskarte zum Halbtax-Abonnement. Gut gelaunt begab ich mich zum nächstbesten Billettautomaten im Zürcher Hauptbahnhof. Dort bieten die SBB zwei Sorten Tageskarten an: die reguläre Tageskarte für 68 Franken und die 9-Uhr-Karte, die erst ab 9 Uhr gültig ist, für 58 Franken. Da es schon 11 Uhr war, entschied ich mich für die 9-Uhr-Karte. Als ich das Billett aus dem Automaten zog, traf mich fast der Schlag. Steht da doch mit fetten Lettern drauf gedruckt:

«SAMSTAG / SONNTAG NICHT GÜLTIG»

Heitere Fahne! Vor einem Jahr war das noch anders: Damals konnte man die 9-Uhr Tageskarte auch am Wochenende benützen – und dann sogar schon vor 9 Uhr... Schnell ging ich zum Billettschalter, um die nutzlose Karte, die jetzt am Wochenende nicht mehr gültig ist (was ich vor dem Kauf nicht wusste), gegen eine Tageskarte einzutauschen, die am Samstag auch wirklich gültig ist. Am Billettschalter erlebte ich den zweiten Schock: Die Schalterbeamtin erklärte mir in unfreundlichem Ton, es sei nicht möglich, die 9-Uhr-Tageskarte gegen eine reguläre Tageskarte einzutauschen. Sie zückte einen gelben Marker und markierte damit die folgende Zeile auf der Karte:

«KEINE ERSTATTUNG»

Klar doch, das hatte ich auch selber gelesen. Aber ich wollte ja gar keine «Erstattung» (also mein Geld zurück) – ich wollte nur die nutzlose Karte gegen ein gültiges Billett eintauschen und war auch bereit, zu diesem Zweck den Aufpreis zu zahlen. Aber das Theater am Schalter ging ungehemmt weiter. Die Schalterdame schimpfte mit mir und belehrte mich, ich hätte mich vor dem Kauf über das Nichtgültigsein der 9-Uhr-Tageskarte informieren müssen. Ich antwortete der Schalterbeamtin, dass das nicht möglich war, weil der Automat mir diese Information nicht vermittelte. Da meinte die Dame, ich hätte mich eben im Internet informieren oder am Schalter fragen müssen. Doch wenn ich eh am Schalter fragen muss, ob das Billett gültig ist, dann nützt mir der Automat nichts. So gings ein paar Minuten lang hin und her, bis die Schalterbeamtin sich bereit erklärte, ausnahmsweise die 9-Uhr-Karte gegen eine reguläre Tageskarte einzutauschen. Uff.

Ich weiss nicht, wie ein Rechtsanwalt dieses Problem beurteilen würde. Ich kann mir vorstellen, dass der Rechtsanwalt zum Schluss kommen könnte, dass es nicht korrekt ist, wenn die SBB am Automaten ein Billett verkaufen, das an zwei von sieben Tagen gar nicht gültig ist – ohne die Kunden vor dem Kauf über die eingeschränkte Gültigkeit zu informieren. Der Automat sagt mir nicht, dass die Karte seit neustem am Wochenende nicht mehr benützt werden kann, wie das Foto beweist:

Die Information, dass das Billett am Wochenende nicht mehr gültig ist, käme nur dann, wenn ich den i-Knopf drücken würde. Aber das genügt nicht – die SBB können von mir nicht erwarten, dass ich einen i-Knopf drücke, nur um zu schauen, ob ein Billett, das vor einem Jahr am Samstag gültig war, jetzt eventuell am Wochenende nicht mehr gültig sein könnte.

Die SBB müssten die Kunden unbedingt aktiv über die eingeschränkte Gültigkeit informieren. Dass das möglich wäre, beweist ein Foto, das mir der SBB-Railservice schickte, als ich mich dort beschwerte:
Das Foto zeigt einen Automaten des Verkehrsverbundes A-Welle in Baden. So muss es sein! Es ist also doch möglich, die Kunden korrekt zu informieren. Leider sind aber alle zwanzig Automaten in der Halle des Zürcher Hauptbahnhofs anders programmiert. Die SBB (und der Zürcher Verkehrsverbund) sollten sich ein Vorbild nehmen an der A-Welle!

Freitag, 1. Juli 2011

Die Erfindung von ABBA

Agnetha in der Küche: Man nehme einen Schuss Glamrock, eine Prise Phil Spector, alles kräftig umrühren...

Ich konnte nicht widerstehen, als ich im Jecklin eine Box mit allen ABBA-LP's stehen sah. 296 Franken für neun LPs ist ein fairer Preis. Her damit. Schliesslich steht heute in jedem Haushalt eine verstaubte Greatest-Hits-CD von ABBA. Dann ist es sicher erlaubt, sich das Gesamtwerk reinzuziehen. Vor allem, weil damit ein Erkenntnisgewinn verbunden ist. Ich wollte herausfinden, wie das ABBA-Konzept entwickelt wurde, anders gesagt: Wie ABBA erfunden wurde. Mit den LPs kann man die Entstehungsgeschichte besser verstehen als mit einer Greatest-Hits-Compilation.

Vor ABBA: Björn und Benny als Duo...
Anfang der 70er Jahre taten sich Björn und Benny zusammen und nahmen als Duo weichgespülte, wenig originelle Folk-Pop-Songs auf («She's My Kind Of Girl», «Love Has Its Ways»), die an die Schlager zweitrangiger englischer Gruppen der 60er Jahre erinnern. Mit diesem schwachen Material war eine internationale Karriere undenkbar. Nur der Refrain der 1972 veröffentlichten Single «En Carousel» erinnert an die ersten ABBA-Hits: Zwar ist die Struktur des Refrains simpel, aber ein Schuss Glamrock bringt Pfiff in die Sache.

... und mit Agnetha und Frida
Vorwärts gings erst, als Björn und Benny zwei Sängerinnen engagierten. Das war eine geniale Idee, denn die beiden Männer hatten doch eher fade Stimmen. Neben dem Einsatz von Glamrock-Stilelementen war der Beizug von Agnetha und Frida der zweite entscheidende Schritt bei der Erfindung von ABBA. Wie wichtig die Sängerinnen waren, zeigt das Lied «People Need Love». Ihre stimmliche Brillanz macht das Lied zum Ereignis. Die Studioproduktion ist auch wesentlich üppiger als die früheren Aufnahmen und erinnert an das Wall-of-Sound-Konzept von Phil Spector. Die Strophen beginnen zum Beispiel mit einem rückwärts eingespielten Akkord.

LP «Ring Ring» (1973)
Offenbar noch für den schwedischen Markt produziert und mit den Namen «Björn Benny & Agnetha Frida» bedruckt, beginnt die LP mit einer schwedisch gesungenen Version von «Ring Ring». Erstmals ist hier alles da, was ABBA berühmt machte: ein hämmernder Glamrock-Rhythmus, eine eingängige Melodie, die von Phil Spector beeinflusste Produktion, dazu der euphorisierende Gesang der beiden Frauen, und auch die beiden Männer dürfen kurz dazwischen blöken. Ansonsten ist die Platte durchzogen. Sie enthält auch den Hit «Nina Pretty Ballerina». Die anderen Songs sind weniger ABBA-typisch, aber durchaus originell und angenehm anzuhören. Das Stück «Disillusion» zeigt, dass auch Agnetha eine talentierte Songschreiberin war, sie durfte dieses Talent aber, abgesehen von diesem einen Stück, später nicht mehr zur Geltung bringen. Die Rollen waren verteilt: Die Männer komponieren, die Frauen singen.

LP «Waterloo» (1974)
Inzwischen hatte die Gruppe auch den Namen ABBA gewählt (und zum Glück Namen wie FABB oder Alibaba verworfen). Waterloo ist ein klassisches All-Killer-No-Filler-Album. Auch weniger spektakuläre Nummern wie «King Kong Song» rocken flott. In dichter Abfolge enthält die Platte bewegende Pop-Melodramen wie «My Mama Said» oder «Suzy-Hang-Around». Die Sehnsucht der in der Hochkonjunktur wohlhabend gewordenen Kleinbürger nach südlichen Ländern wird gekonnt bedient mit Schmachtfetzen à la «Hasta Manana» oder «Sitting In The Palmtree». Herrlich. Nur eine Frage bleibt offen: Woher bezogen zwei Songschreiber, die jahrelang fade Folk-Pop-Songs am Fliessband produziert hatten, plötzlich die Inspirationen, um ein Album mit epochalen, bewegenden Songs zu füllen? Die Antwort auf diese Frage kennen nur Björn und Benny. Vielleicht wissen sie es selber nicht.

Dienstag, 28. Juni 2011

Coiffeursalonnamenkatastrophe à la provençale


Ist man erst einmal sensibilisiert für verunglückte Coiffeursalonnamen, findet man sie auf Schritt und Tritt, in allen Weltgegenden, überall. Auch in einem verschlafenen Provence-Kaff namens Tourrettes-sur-Loup. Gleichnamige Coiffeursalons existieren auch in St. Martin d'Uriage und in Beaumont-sur-Oise, falls das jemanden interessiert. Der Coiffeursalonname funktioniert nur, wenn man «Hair» auf französische Weise ausspricht, nämlich «ääär».

Foto: Bobby California

Freitag, 24. Juni 2011

Klartext

Selten hat jemand seinen Frust beim Online-Dating so unverblümt in Worte gefasst wie die folgende anonyme 55-jährige Dame, die (noch) Mitglied bei ElitePartner ist:

Ich über mich

Mein Lieblingsbuch ist ...

...das hat ein halbes Jahr niemanden interessiert.

Ich kann es nicht leiden, wenn ...

....man hier nach Übermenschen sucht. Warum kommen keine Anfragen? Ich war fünf Monate mit einem attraktiven Profil hier drin, ohne das geringste Interesse seitens der männlichen Partnersuchenden. Ich kann meine Enttäuschung nicht in Worte fassen. Es ist mir ein Rätsel, dass mich niemand angeschrieben hat. Ich weiss nicht, woran das liegt. Ich wurde zu keinem Telefon und zu keinem Kennenlern-Kaffee eingeladen. Noch schlimmer, meine Anfragen wurden mit Standard-Absagen gekillt. Es erstaunt mich, dass Professoren, Hochschulabsolventen, Studierte, etc. nicht in der Lage sind, ein paar Sätze selber zu formulieren. Ist das Niveau an den Hochschulen so tief? Ob das der Sinn einer Online-Partnersuche ist, ist für mich fraglich. Wo sind den die Männer mit Bildung und Charakter? Die sollten ja hier zu finden sein, wie die Werbung im Fernsehen sagt. Ich finde es so schade um das fehlinvestierte Geld.

Es macht mich glücklich, wenn ...

... wenn jemand Interesse an meinem Profil zeigt, und mich nicht nur besucht, sondern auch Kontakt mit mir aufnimmt (Gentlemen like). Leider habe ich das innert eines halben Jahres nie erleben dürfen.

Wenn ich ein Kunstwerk wäre, dann wäre ich ...

.. dann würde ich auf alle, die mir nicht schreiben, von der Wand herunterlachen und euch sagen, wie menschenverachtend Arroganz ist.Alle, die mein Profil ignoriert haben, verdienen einen schwarzen Klecks...keine schön leuchtenden Farben.......schade, dass ihr mich nicht kennen lernen wolltet.

Ein ideales Wochenende ist für mich, wenn ...

...sich nicht mit hochnäsigen Menschen herunzuschlagen müssen.

Wenn ich mir einen Traum erfüllen könnte, dann ...

...dann den, dass auch hochmütige Menschen mal Arroganz pur erleben.

Am wichtigsten in meinem Leben ist mir ...

...das Zusammensein mit lieben Mensche, die mich wertschätzen. Für die tue ich auch alles und wünsche ihnen nur das Beste. Schade gehörst Du nicht dazu. Das hast Du jetzt verbockt. Mein Abo läuft in drei Wochen aus. Du bist schuld, hast Du die Chance, eine echt starke Partnerin zu bekommen, nicht genutzt. Ich gönne Dir eine kettenrauchende, dümmlich, zickige Sozialhilfeempfänerin, Das haben arrogante Männer verdient.

Es bringt mich zum Lachen, wenn ...

..wenn die Männer hier an Frauen geraten, die nur an ihr Geld wollen.

In fünf Jahren möchte ich ...

... möchte ich mit meinem Partner über die Schwerenöter und Möchtegerns, die mich ignoriert haben, lachen können. Schade können das die notorischen Absageerteiler nicht lesen.

Das Besondere an mir ist, dass ...

.. dass ich über der Sache stehe, und weiss, dass ich einen lieben Partner kennenlernen werde.



Dienstag, 7. Juni 2011

Die personalisierte Zeitung

In der Syndicom-Mitgliederzeitung und jetzt auch noch in der Medienwoche durfte sich Nick Lüthi über einen Lieblingsmythos der dogmatischen Internet-Fans auslassen: die «personalisierte Zeitung». Die neue Wortschöpfung bedeutet, dass man nicht mehr eine ganze Zeitung kauft, sondern nur noch einzelne Artikel, die den Leser vermeintlich besonders interessieren. Nick Lüthi meldet, die Post wolle eine solche personalisierbare Tageszeitung anbieten. Der Test soll zeigen, ob die Zeitungsleserinnen und -Leser eine solche Zeitung wünschen.

Ob Lüthi diese «personalisierbare» Zeitung gut findet, sagt er nicht. Man darf davon ausgehen, dass er das Experiment befürwortet. Denn bei den Internet-Fans gehört es längst zum guten Ton, dass man die personalisierte Zeitung gut findet. Es gab ja seit den Punks keine gesellschaftliche Gruppe mehr, die so homogen denkt und argumentiert wie die dogmatischen Internet-Fans (d.h. die Internet-Aktivisten, die Leute, die sich zur sogenannten «Netzgemeinde» zugehörig fühlen).

Doch ist die personalisierte Zeitung wirklich ein Segen für die Menschheit? Cass Sunstein, Jus-Professor der Universität Chicago hat sich dazu Gedanken gemacht. Als er sich zum Thema äusserte, wurde er von den Digital-Fans als «Nazi» beschimpft.

Cass Sunstein hat etwas getan, was viele Internet-Anhänger nicht ausstehen können: Er hat Probleme benannt, die vom Internet verursacht oder verstärkt werden. Und das ist nicht erlaubt in den Augen der «Netzgemeinde». Für sie gilt: Das Internet ist grundsätzlich ein Segen für die Menschheit, weil sie wollen, dass das so ist. Doch Cass Sunstein weist auf eine folgenschwere Entwicklung hin:

«Mit der sinkenden Bedeutung der General-Interest-Magazine und -Zeitungen und mit der Blüte individuell zugeschnittener Programme treffen unterschiedliche Gruppen eine grundlegend unterschiedliche Wahl.»

Diese Entwicklung sei gefährlich, sagt Sunstein, weil sie im Extremfall zu Radikalisierung und Intoleranz führen könne:

«Die meisten Weissen vermeiden Nachrichten und Unterhaltung, die auf ein afro-amerikanisches Publikum zugeschnitten sind.»

Die personalisierte Zeitung, bei der man nur noch die Stoffe abonniert, die einen vermeintlich interessieren und bei der man alles ausblenden kann, was einen vermeintlich nicht interessiert, diese Zeitung bedrohe die Demokratie, sagt Cass Sunstein.

Montag, 23. Mai 2011

«Halbseidene Pseudoinfos aus dem Internet»

«Wie Klaus Rodens das nervt! Wenn die Eltern seiner kleinen Patienten in seiner Praxis stehen, ihn mit ihren "halbseidenen Pseudoinfos aus dem Internet" bombardieren und dann spezielle Medikamente bestellen. Meine Tochter hustet so stark, sie braucht Mucosolvan. Mein Sohn kommt in der Schule nicht mit, er benötigt die Psychopille Ritalin. Der Kinderarzt, der seit 1993 eine Praxis in Langenau bei Ulm hat, nimmt sich dann fünf Minuten Extrazeit und erklärt den Müttern und Vätern ausführlich, was ihr Kind wirklich hat und braucht. Oft ohne Erfolg: "Wenn die sich das in den Kopf gesetzt haben, dann wollen sie auch ein Rezept", sagt Rodens...»

So beginnt ein äusserst lesenswerter Artikel aus der deutschen Wirtschaftszeitschrift «Capital» mit dem Titel «Der Pillentrick oder: Wie man Patienten um den Finger wickelt.» Der Text zeigt ganz klar: Die Gratis-Texthäppchen, mit denen wir im Internet gefüttert werden, sind keineswegs immer nur nützlich für uns – wie uns die Internet-Gläubigen weismachen wollen. Das Gegenteil ist wahr: Viele Leute können Werbung und Information im Internet nicht unterscheiden. Die Folgen sind katastrophal: Wenn diese Leute krank sind, fallen sie auf die Werbung schutzlos herein. Und laufen zum Arzt mit einem Medikamentennamen im Kopf, wie Doktor Rodens sehr anschaulich berichtet im Capital-Artikel. Die Folgen sind für uns alle katastrophal, einerseits für die Patienten, aber auch für die gesamte Gesellschaft:

«Die Patienten fühlen sich aufgeklärt, fallen in Wahrheit aber oft nur auf die Marketingtricks der Pharmaindustrie herein. Die Kosten tragen die Kranken, weil sie manchmal nicht die beste oder gar eine unnütze Therapie erhalten. Und die Gemeinschaft der Krankenversicherten.»

Das sollten sich alle die Leute einmal hinter die Ohren schreiben, die immer wieder ihr Mantra herunterbeten vom Internet, das uns alle glücklich macht. Leute wie David Herzog vom Substanz-Blog, der hier in der Kommentarspalte wörtlich schrieb:

«Du kannst jeden Arzt fragen, jeder wird dir bestätigen, dass die Patienten seit dem Internet viel besser informiert sind.»

Klaus Rodens hat diese Behauptung einmal mehr widerlegt.

Freitag, 6. Mai 2011

Arman's Super-Solex in Basel


Dieses Jahr war ich schon dreimal im Tinguely-Museum. Es ist eines der spannendsten Kunstmuseen. Erstaunlich, wie viele Ausstellungen das Museum machen kann aus der eigentlich einschränkenden Grundidee, nur Künstlerinnen und Künstler zu zeigen, die einen künstlerischen oder persönlichen Bezug zu Tinguely haben. Noch bis zum 15. Mai zeigt das Museum einen Querschnitt durch das Schaffen des französischen Künstlers Arman. Querschnitt ist ein passendes Wort, denn Armans Spezialität war das Zersägen, Zerdeppern und Neuzusammensetzen von alltäglichen Gegenständen. Es gibt keinen besseren Beweis für die These, dass Zerstörung schöpferisch sein kann. Und die Ausstellung erinnert die Baslerinnen und Basler, woher Gabriel Orozco seine Ideen bezogen hat.

«Solex, ici et là» (1989) Foto: Bobby California

Sonntag, 1. Mai 2011

Katastrophale Coiffeursalonnamen – auch in Basel


Leserinnen und Leser dieses Blogs wissen es: Inspiriert vom deutschen Blogger Deef Pirmasens sammle ich verunglückte, pseudo-originelle Coiffeursalon-Namen. Sie begegnen einem fast auf Schritt und Tritt. Hier ist ein Beispiel aus Basel, das weh tut.

Foto: Bobby California, 1. 5. 2011

Samstag, 30. April 2011

Warum Papier praktischer ist

Ich kann sie nicht mehr hören – die gebetsmühlenartig wiederholte Behauptung der Online-Apostel, dass Papier weniger praktisch sei als der Bildschirm, den sie gedankenlos vergöttern. Obwohl er bei einer Zeitung angeheuert hat, sucht Peter Hogenkamp, Leiter Digitale Medien bei der NZZ, jetzt gerade via Twitter zehn Argumente, «warum Print unpraktisch ist». Die will er bei einem Vortrag unters Volk bringen. Auch viele andere digital-religiöse Menschen glauben, nur wenn ein Bildschirm involviert sei, könne man Medien auf zeitgemässe Art konsumieren. Peter Hogenkamps Tweet hat mich zu einem Gegenvorschlag animiert. Nicht, dass ich etwas gegen Bildschirme hätte. Mich stört nur die unkritische Vergötterung dieser an sich äusserst nützlichen Objekte. Sie haben ihre Vorteile und auch bestimmte Nachteile. Hier sind 50 Gründe, warum Papiermedien (Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, das Kursbuch usw...) praktischer sind als Online-Medien:

1. Papiermedien funktionieren immer.
2. Papiermedien gehen auch dann nicht kaputt, wenn sie nass werden.
3. Papiermedien kann ich im Bett lesen.
4. Papiermedien kann ich in die Badi mitnehmen, ohne Angst, dass sie geklaut werden.
5. Papiermedien kann ich in den Rucksack packen, wenn ich in wandern gehe.
6. Papiermedien brauchen keine Batterien und keinen Netzanschluss.
7. Papier kann man problemlos recyclen.
8. Was auf Papier gedruckt ist, ist relevanter und entspricht der Wahrheit eher als Online-Medien, weil eine Organisation (Redaktion, Verlag usw) die Qualität des Inhalts überprüft hat.
9. Was auf Papier gedruckt ist, ist sorgfältiger geschrieben. Denn was gedruckt ist, kann man nicht mehr mit Knopfdruck löschen. Das erhöht die Sorgfalt der Autoren massiv.
10. Papiermedien sind dauerhafter als elektronische Medien.
11. Wenn ich einen Text behalten will, muss ich ihn nicht erst ausdrucken.
12. Papier ist besser für meine Augen als der Bildschirm.
13. Papier ist besser für meinen Rücken, weil ich in jeder Position lesen kann.
14. Papier ist hygienischer, da die Computertasten bekanntlich schmutziger sind als Klobrillen.
15. Papiermedien sind schöner, weil der Druck scharf ist und selbst kleinste Buchstaben problemlos lesbar sind (vorausgesetzt, dass man scharf genug sieht).
16. Papier hält fit, weil ich in die Bibliothek oder zum Kiosk gehen muss, um bestimmte Bücher und Zeitungen zu besorgen.
17. Papier ist für die Konsumenten viel billiger, da sie für die Lektüre nicht immer wieder neue, teure elektronische Geräte kaufen müssen.
18. Papiermedien sind umweltfreundlich, weil für die Produktion viel weniger Energie benötigt wird als für die Produktion von Computern.
19. Papier sichert das Überleben der Menschheit, weil für die Produktion und für den Konsum der Papiermedien weniger (Atom-) Strom verbraucht wird.
20. Papier erzeugt keinen Elektronikschrott, der die Bewohner der Dritten Welt vergiftet.
21. Der Kauf von Papiermedien sichert spannende Arbeitsplätze in Verlagen, Redaktionen und Buchhandlungen. Die Arbeitsbedingungen der Online-Medien sind bekanntlich erniedrigend für die Angestellten.
22. Das Blättern in Papiermedien ist viel angenehmer als das Browsen in Online-Dokumenten.
23. Wer eine gute Zeitung oder Zeitschrift liest, ist besser informiert. Denn Online-Medien sind viel weniger zuverlässig.
24. Der Inhalt von Zeitungen und Zeitschriften ist aktuell – Onlinequellen verbreiten hingegen oft veraltete Informationen.
25. Papiermedien sparen Zeit und Energie, die ich verbrauche, wenn mein Computer nicht funktioniert, was bekanntlich oft vorkommt.
26. Papiermedien sind nicht abhängig vom Funktionieren des Internetanschlusses, der bekanntlich nicht immer funktioniert.
27. Papiermedien können nicht mit Knopfdruck zensuriert werden, so wie das mit Onlinemedien in China und anderswo geschieht.
28. Papiermedien enthalten interessantere Informationen, weil sie in einer Organisation erarbeitet werden, in der Leute sitzen, die anständig bezahlt werden und die (auch deshalb) motiviert sind, gute Arbeit abzuliefern.
29. Papiermedien enthalten relevantere Informationen, weil der Benutzer nicht besondere Fähigkeiten besitzen muss, um Internet-Suchmaschinen zu bedienen.
30. Papiermedien sind besser für die seelische Gesundheit, weil sie nicht süchtig machen.
31. Papiermedien sind vorteilhaft für das soziale Ansehen, weil ein gut gefülltes Büchergestell das Prestige erhöht.
32. Papiermedien intensivieren die geistige Auseinandersetzung mit der Welt, weil das Lesen von Papiermedien konzentrierter abläuft als das Lesen von Texten auf einem Bildschirm.
33. Die Aufmerksamkeitsspanne ist beim Lesen von Papiermedien wesentlich länger.
34. Papiermedien enthalten keine nervig flackernden Inserate.
35. Aus Papier kann man Papier maché herstellen.
36. Papier kann man nach dem Lesen auch für viele andere Sachen verwenden: Papierhüte, Ausstopfen von nassen Schuhen usw.
37. Papier ist ein einheimischer Rohstoff, der immer wieder nachwächst.
38. Papier ist natürlich und deshalb ein sehr angenehmes Material.
39. Es gibt viele verschiedene Papiersorten, das erhöht den haptischen und visuellen Genuss.
40. Fotos kann man auf Papier in viel besserer Qualität reproduzieren als auf einem Bildschirm.
41. Papier gibt es in ganz verschiedenen Formaten.
42. Eine grossformatige Zeitung wie die «Zeit» kann man unmöglich auf einem Bildschirm wiedergeben. Auch die grössten Bildschirme sind zu klein dafür.
43. Papiermedien kann man vollkritzeln, und man kann den Text unterstreichen. Nur so kann man längere Texte wirklich konzentriert lesen und verstehen.
44. Papier stürzt nie ab.
45. Papier hat nie einen leeren Akku.
46. Wer Papiermedien aufbewahren will, benötigt keine teuren Druckerpatronen fürs Ausdrucken.
47. Papiermedien respektieren das Urheberrecht.
48. Papiermedien erschweren die Piraterie.
49. Die Lesbarkeit von Texten ist viel besser auf Papier als auf einem Bildschirm.
50. Das Kursbuch zeigt alle Verbindungen, nicht nur die, die im elektronischen Fahrplan programmiert sind.

Undsoweiter...

Donnerstag, 28. April 2011

ElitePartner – die Elite-Abzocker

Im letzten Herbst dachte ich, es sei an der Zeit, auf Brautschau zu gehen. Als elitärer Mensch stellte ich mir vor, dass eine passende Frau am ehesten bei ElitePartner zu finden wäre. Also bestellte ich eine «Premium-Mitgliedschaft» zum Preis von 269.70 Franken («nur» 89.90 Franken pro Monat).

In den drei folgenden Monaten passierte wenig. Na gut, ich hatte zwei Dates mit einer Stadträtin. So gesehen, trifft der Name «ElitePartner» zu. Doch leider konnte sich die schöne und kluge Stadträtin nicht vorstellen, sich in mich zu verlieben. Und soooo viele andere elitäre Frauen waren nicht in der Datenbank: Eine Zählung von mir ergab, dass der Akademikerinnen-Anteil nur etwa ein Drittel beträgt und nicht 70 Prozent, wie ElitePartner versprochen hat. Zudem füllten zwei Drittel der Frauen, ob Akademikerinnen oder nicht, das Profil nicht vollständig aus, so dass es nicht möglich ist, herauszufinden, ob diese Frauen zu mir passen.

Etwa in der Halbzeit meiner Premium-Mitgliedschaft wurde mir klar, dass ich bei ElitePartner keine passende Frau finden würde. Also schickte ich mich an, die Mitgliedschaft zu kündigen. In diesem Moment wurde mir schmerzlich bewusst, dass die Kündigungsfrist vier Wochen beträgt. Ich hatte die Frist um wenige Tage verpasst. Dennoch schickte ich die Kündigung sofort ab und teilte ElitePartner mit, dass ich die lange Kündigungsfrist als Schikane betrachte und nicht gewillt sei, den Preis für die automatische Verlängerung um sechs Monate zu bezahlen. Zu diesem Zeitpunkt (Ende Januar 2011) betrug der Preis für das Sechs-Monats-Paket 359.40 Franken (59.90 Franken pro Monat).

ElitePartner reagierte nicht. Als ich ElitePartner nochmals aufforderte, die Kündigung zu bestätigen, erhielt ich ein widersprüchliches Mail, das ich nicht ernst nahm und bald löschte. ElitePartner teilte mir mit, die Firma verzichte darauf, weitere Beiträge von meiner Kreditkarte abzubuchen, wolle aber nicht auf die ausstehenden Beiträge verzichten.

Zwei Wochen später erhielt ich die erste Mahnung. ElitePartner forderte mich auf, 241 Franken auf ein Postkonto zu bezahlen. Auch dieses Mail ignorierte ich.

Am 8. März kam die zweite Mahnung. ElitePartner forderte «den noch ausstehenden Gesamtbetrag in der Höhe von 482 Franken zuzüglich einer Bearbeitungsgebühr von 20 Franken». Jetzt geriet ich erstmals ins Grübeln. Wieso zum Teufel 482 Franken? Auf der Seite «Preise und Leistungen», die ich einen Monat vorher ausgedruckt hatte, steht, dass das Sechs-Monats-Paket 359.40 Franken kostet, nicht 482 Franken.

Ich schickte dem ElitePartner-Kundendienst eine Mail und fragte, warum man mir einen Preis verrechnet, der massiv höher ist als die auf der Seite «Preise und Leistungen» angegebene Summe. Zurück kam die folgende Antwort:

«Die Premium-Mitgliedschaft verlängert sich automatisch um ein Sechs-Monatspaket zum Preis von 80 Franken pro Monat (insgesamt 482 Franken), wenn Sie nicht vier Wochen vor Ablauf des Drei-Monatspakets kündigen.»

Ich belehrte den Kundendienst, dass sechs mal 80 Franken die Summe von 480 Franken ergeben, nicht 482 Franken, und dass ich nicht bereit sei, einen überhöhten Fantasiepreis zu bezahlen. Darauf beschied mir der Kundendienst, im verrechneten Preis sei eine «Rundungsdifferenz» eingebaut. In den offiziellen Preislisten findet sich allerdings nirgends eine Rundungsdifferenz zuungunsten des Kunden. Nur meine Rechnung können die Elite-Halsabschneider nicht präzis addieren!

Um es kurz zu machen: Ich zahlte den Betrag, weil ich am nächsten Tag eine längere Ferienreise antrat. Ich wollte vermeiden, dass in meiner Abwesenheit weitere ärgerliche Depeschen von ElitePartner bei mir eintreffen, auf die ich nicht reagieren kann.

Nach meiner Rückkehr aus den Ferien schaute ich die Preisliste nochmals an. Und siehe da: Unterdessen wurde der Preis für das automatische Sechs-Monats-Paket auf 474 Franken erhöht (79 Franken pro Monat). Ich erkundigte mich nochmals beim Kundenservice, warum man mir einen Preis verrechnete, der weder mit der alten Preisliste übereinstimmt noch mit der neuen Preisliste. Der Kundenservice antwortete wie gehabt nur mit faulen Ausreden:

«Die Preisliste auf unserer Seite gilt lediglich für Neukäufe, nicht aber für Vertragsverlängerungen»

oder

«Im Zuge von Aktionspreisen ist es möglich, dass der Neupreis einer sechsmonatigen Premium-Mitgliedschaft günstiger ist»

Pfeifensack! Die Preise, die ich auf der Seite «Preise und Leistungen» gelesen habe, waren nicht als «Aktionspreise» gekennzeichnet. Ich habe auch nie den Preis für «Neukäufe» mit dem Preis für die Vertragsverlängerung verwechselt. Halten die mich denn für völlig bescheuert?

Fazit: Der Kundenservice von ElitePartner ist in Wirklichkeit ein Kundenverarschungs-Service. Nach diesen unangenehmen Erlebnissen ist für mich klar: Einmal ElitePartner – nie wieder ElitePartner!

Montag, 25. April 2011

Abt. Birnenweiche Coiffeursalon-Namen


Der Münchner Blogger Deef Pirmasens, Entdecker der Hegemann-Plagiate, sammelt Beispiele von misslungenen Coiffeursalon-Namen. Das hat mich auf die Idee gebracht, mich auch in der Schweiz nach entsprechenden Beispielen umzusehen. Und siehe da, man findet sie auch bei uns auf Schritt und Tritt: verkrampfte, pseudo-originelle Wortspiele, oft mit «Hair». Mein neuester Fund für die immer grösser werdende Sammlung: Ein Coiffeursalon in Stalden VS.

Foto: Bobby California, 24.4.2011

Montag, 18. April 2011

Erotische Kirche

Vor vielen Jahren unternahm ich in einem kalten Winter eine Reise nach La Charité-sur-Loire. Der kleine Flecken liegt wenige Kilometer nördlich von Nevers. Am Rand des Dorfes liegt der Grund meiner Reise: die überdimensionierte ehemalige Klosterkirche Notre-Dame. Eine der schönsten romanischen Kirchen, gebaut zwischen 1059 und 1107. Damals soll sie (nach der Superkirche von Cluny) die zweitgrösste und zweitschönste Klosterkirche Frankreichs gewesen sein, mit einem 122 Meter langen Kirchenschiff. Im Sommer 1559 zerstörte leider ein drei Tage lang dauernder Brand die Kirche von La Charité-sur-Loire. Sechs der zehn Joche des prächtigen Kirchenschiffes sind seither nur noch ansatzweise erkennbar, das nördliche Seitenschiff wurde zu Privathäusern umgebaut, und das Mittelschiff ist nicht mehr überwölbt. In einem Souvenirladen kaufte ich ein paar Postkarten. Und siehe da: eine Postkarte zeigte ein ungewöhnliches Kapitell. Ich habe schon viele romanische Kapitelle angeschaut, die meisten zeigen biblische Geschichten oder irgendwelche Fabeltiere. Doch ein Kapitell, das unverkennbar ein männliches Geschlechtsorgan zeigt, das gibts nur in La Charité-sur-Loire. Und wenn das Kapitell nicht auf der Postkarte abgebildet wäre, dann hätte ich es nie gesehen. Denn das Kapitell prangt nämlich in luftiger Höhe am achteckigen Vierungsturm. Unmöglich, es vom Boden her zu sehen.

Il y a beaucoup d'années j'ai fait un voyage hivernal à La Charité-sur-Loire. Le village est situé quelques kilomètres au nord de Nevers. Près de la Loire se situe le but de mon voyage: l'église surdimensionnée Notre-Dame. Edifiée entre 1059 et 1107, à l'époque on disait qu'elle était la deuxième église par ordre de grandeur et de beauté en France, après celle de Cluny, la nef étant longue de 122 mètres. Malheureusement en été de l'an 1559, une incendie a détruit la nef centrale de Notre-Dame de La Charité-sur-Loire. Dès lors, six des dix travées de la nef latérale septentrionnale furent transformées en maisons privées. Et la nef centrale n'est plus voutée. Dans un magasin de souvenirs j'ai acheté quelques cartes postales. Je n'étais pas mal étonné lorsque j'ai reconnu sur une carte un chapiteau insolite. J'ai vu beaucoup de chapiteaux romanes. La plupart d'eux montrent des histoires bibliques où des animaux fabuleux. Cependant, un chapiteau qui montre un sexe masculin, cela existe nulle part ailleurs qu'à La Charité-sur-Loire. Et si le chapiteau n'était pas visible sur la carte postale, je ne l'aurais jamais vu, puisque le chapiteau se trouve sur la tour octogonale de l'église. Impossible de le voir du pied de l'édifice.

Scan: Bobby California (Click to enlarge)

Mittwoch, 6. April 2011

Zehn Unterschiede zwischen Bloggern und Journalisten


Guardian-Chefredaktor Alan Rusbridger schrieb kürzlich einen Artikel mit dem Titel «Gutenberg für alle» in der Zeitschrift «Der Freitag». Sein Text wurde von einigen Bloggern mit warmem Applaus quittiert:

«Auf der einen Seite hat das Web 2.0 wenig Geheimnisvolles. Es geht um den Umstand, dass auch andere Leute gerne Dinge machen, die wir Journalisten machen. Wir erschaffen gerne Dinge – Worte, Bilder, Filme, Grafiken – und veröffentlichen sie. Das macht offensichtlich auch vielen anderen Menschen Spaß. Seit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg hatten sie dazu 500 Jahre lang keine Möglichkeit. Aber jetzt können die Menschen sogar viel mehr und einfacher veröffentlichen als jemals zuvor. Und dieser revolutionäre Umbruch ereignete sich während eines Wimpernschlages.»

Diese Passage in Rusbridgers Text hat zu Missverständnissen Anlass gegeben. So schreibt der Mittelschullehrer und Blogger Philippe Wampfler in seinem Blog:

«Ich mache Dinge zum Spass, für die Journalisten bezahlt werden.»

Nichts ist falscher. Zwar gehört Philippes Blog zu den qualitativ besseren Schweizer Blogs. Doch was Philippe Wampfler in seiner Freizeit macht, also Bloggen, hat mit professionellem Journalismus nur ganz wenig zu tun. Da ich beide Seiten kenne, da ich Journalist und Blogger bin, ist es mir ein wichtiges Anliegen, die wesentlichen Unterschiede zwischen Blogs und professionellem Journalismus zu zeigen:

1. Journalisten wenden einen grossen Teil ihrer Arbeitszeit für die Themenfindung auf. Um spannende Themen zu finden, sprechen Journalisten mit vielen Leuten, lesen so viele Zeitungen und Zeitschriften wie möglich, schauen TV-Sendungen an, durchkämmen Pressetexte von Behörden, Organisationen und Unternehmen, lesen Tweets und Blogs.
Blogger suchen hingegen nicht systematisch Themen. Sie greifen nur Themen auf, auf die sie zufälligerweise stossen, in der Regel, wenn sie ihre Lieblingszeitung lesen.

2. Journalisten haben einen brennenden Ehrgeiz: Sie wollen möglichst viele Primeurs landen, das heisst, sie wollen über Themen schreiben, die noch kein anderer Journalist behandelt hat.
Blogger begnügen sich damit, Artikel über Themen zu schreiben, die schon zahlreiche Journalisten vor ihnen aufgegriffen haben.

3. Journalisten besprechen die Themenwahl in langen Sitzungen mit Kollegen. Das fördert die Qualität, denn oft hat ein Kollege noch eine zusätzliche Idee – oder er findet ein Argument, das gegen einen Themenvorschlag spricht.
Blogger besprechen ihre Themenwahl mit niemandem. Sie schreiben, was sie wollen.

4. Bevor sie einen Artikel schreiben, recherchieren Journalisten sehr lange, oft mehrere Tage oder Wochen lang, bis sie so viel wie möglich über ihr Thema wissen. Sie suchen und lesen Fachliteratur, sprechen mit Betroffenen, mit Behörden, mit Unternehmen, mit Experten, mit Schurken usw.
Blogger recherchieren kaum. Es genügt ihnen meistens, wenn sie einen Zeitungsartikel abschreiben können und ihre persönliche Meinung dazu formulieren können. Fakten kümmern sie nicht gross.

5. Journalisten enthüllen Dinge, die die meisten Leser nicht wissen. Ein bekanntes Beispiel: Die Washington Post konnte beweisen, dass das Weisse Haus hinter dem Watergate-Einbruch stand.
Blogger enthüllen nichts ausser ihrer persönlichen Meinung zu Themen, die schon längst bekannt sind. Blogger sind nur extrem selten in der Lage, Skandale publik zu machen.

6. Journalisten kritisieren oft Firmen oder Behörden. Deshalb nennt man die Medien nicht umsonst die «Vierte Gewalt». Dabei müssen die Journalisten ihre Kritik immer mit Fakten unterfüttern, damit sie nicht angreifbar werden.
Blogger kümmern sich nicht um Fakten. Sie drücken nur ihre subjektive Meinung aus. Deshalb gehören Blogs nicht zur «Vierten Gewalt», sondern sind eher vergleichbar mit Leserbrief-Spalten.

7. Journalisten lassen ihre Texte von Kollegen in der Redaktion gegenlesen, oft zwei- oder dreimal. Das verbessert die Qualität der Texte enorm. Denn Kollegen machen auf sprachliche oder inhaltliche Fehler aufmerksam, die dem Journalisten sonst entgehen würden.
Blogger feuern ihre Texte ohne Gegenlesen raus.

8. Journalisten sind verantwortlich für ihre Arbeit. Sie müssen sich nach der Publikation mit Kritik an ihren Texten auseinander setzen. Manchmal müssen sie sich deshalb sogar vor Gericht verantworten.
Blogger müssen das nicht, denn ihre Texte tun niemandem weh.

9. Professionelle Medienarbeit ist Aufklärung im Dienst der Allgemeinheit. Es ist harte Knochenarbeit und verursacht bei den Journalisten viel Stress, schlaflose Nächte und erhöhten Alkoholkonsum. Deshalb gehören die Journalisten zu den ungesündesten Berufsleuten.
Blogger sind nie gestresst.

10. Die Pflichten und Rechte der Journalisten sind klar definiert.
Blogger nehmen sich viele Rechte heraus und haben keine Pflichten.

Ich hoffe, dass ich verständlich machen konnte, dass man Bloggen nicht mit professionellem Journalismus vergleichen kann. Blogs können den professionellen Journalismus niemals ersetzen.

Freitag, 25. März 2011

Fremdenfeindlichkeit: Kein Privileg der Schweizer


Auch in Frankreich haben rechtsextreme Parteien die Angst vor Einwanderern als Wahlkampfschlager entdeckt. Besonders unschön zeigen dies die Plakate der Gruppierung «Mouvement Initiative et Liberté» (MIL) in einem Nest irgendwo im Département Bouches-du-Rhône: Neben einem von der SVP inspirierten Slogan Expulsons les délinquants étrangers («Schaffen wir die ausländischen Kriminellen aus») hat sich das MIL einen besonders fiesen Spruch ausgedacht: La France – aimez-la ou quittez-la («Liebt Frankreich oder verschwindet»). Es ist nun also schon soweit, dass man sich anmasst, den Bürgern ihre Gefühle vorzuschreiben: Nur wer genügend «Liebe» gegenüber dem Land empfindet, soll ein Recht haben, hier zu leben.

En France aussi, les partis politiques de droite (et pas seulement de l'éxtreme droite) éxploitent la peur qu'inspire l'immigration aux indigènes. Lors des éléctions cantonales qui sont en cours en ce mois de mars, le «Mouvement Initiative et Liberté» (MIL) collait ses affiches sur les murs d'un petit village quelque part dans le département des Bouches-du-Rhône. Le MIL a non seulement fait imprimer un slogan qui rappelle les propos de l'UDC: Expulsons les délinquants étrangers. Mais le groupe politique de l'éxtrème droite a concocté un propos particulièrement perfide: La France: Aimez-la ou quittez-la. Sommes-nous arrivés au point ou on veut nous préscrire les sentiments que nous devons éprouver vis-à-vis du pays ou nous vivons?

Foto: Bobby California, 14. 3. 2011

Samstag, 12. März 2011

So kauft man heute ein Zugbillett in Zürich HB

Jedes Jahr fahre ich mindestens einmal nach Frankreich. Dabei lassen sich sehr gut die aktuellen Entwicklungen beim Billettverkauf der SBB verfolgen. Jedes Jahr lassen sich die SBB einen neuen Gag einfallen, um den Kunden den Billettkauf möglichst zu vermiesen:

- 2010 führten die SBB die Auftragspauschale International ein: Seither muss ich fünf Stutz extra zahlen, wenn ich den SBB die Arbeit auflade, mir ein Billett zu verkaufen. Der Akt des Verkaufens wird jetzt als kostenpflichtige Dienstleistung betrachtet. Obwohl die SBB mir 2010 erstmals diesen lästigen Zuschlag abknöpften, waren sie nicht in der Lage, mir das gewünschte Billett zu verkaufen: Billette für den Train Express Régional (vergleichbar mit dem Schweizer Interregio) nach Béziers (über 72'000 Einwohner) gibts in Zürich HB nicht. Diese Destination sei nicht im Computer programmiert, beschied man mir. Ich konnte nur ein Billett bis Avignon kaufen. Merke: Der Kunde ist für die SBB da, nicht umgekehrt.

- 2011 weigern sich die SBB, mir am normalen Bahnschalter ein Billett nach Cavaillon zu verkaufen. Unfreundlich, aber bestimmt wurde ich von der Schalterdame ins Reisebüro geschickt. Man müsse die Billette «auseinander nehmen», d.h separate Billette für die Teilstrecken ausstellen, das dauere zu lange für den Bahnschalter, hiess es. Immerhin bekam ich im Reisebüro das gewünschte Billett nach Cavaillon, das hätte ich nicht erwartet nach dem letztjährigen Billettkauf-Erlebnis. Dafür musste ich 25 Minuten warten, bis meine Nummer aufgerufen wurde, und es ging nochmals 15 Minuten, bis die Schalterdame mir das Billett verkaufen konnte. Die 25 Minuten Wartezeit wurden «aufgelockert» durch einen mehrmals wiederholten Kurzfilm auf einem nervigen Grossbildschirm, auf dem die drei Knilche Sergio, Beat und Benoît herumhampeln und für Railaway-Billette werben. Für ein Unterhaltungsprogramm, das 40 Minuten dauert, ist doch fünf Stutz fast geschenkt, oder? Merke: Der Kunde ist für die SBB da, nicht umgekehrt.

Freitag, 4. März 2011

«Es war eine Desillusionierung»

Norbert Neininger im Klartext-Interview zur Schweizer Blogger-Szene:

Klartext: Sie twittern auch, bloggen, sind auf Facebook, testen das iPad.
Neininger: Ich wollte diese Erfahrungen selbst machen und mit dem guten Beispiel vorangehen... Im Blog-Bereich ging es mir darum, die Schweizer Blog-Szene kennen zu lernen. Es war eine Desillusionierung: Die nehmen sich wichtiger als sie sind, kommunizieren vor allem unter- und übereinander und freuen sich darüber, wenn der eine zum Blog des anderen einen Link setzt und auch umgekehrt.

Mittwoch, 2. März 2011

Weltwoche wühlt im Privatleben von Journalisten

Seltsam und unheimlich, wie gut der Blogger Ronnie Grob mit der Weltwoche synchronisiert ist: Vor wenigen Wochen schrieb Ronnie Grob in einem Blogpost und in einem Artikelchen in der Medienwoche, Journalisten seien mehrheitlich links. Diesen Befund stützte er auf methodisch äusserst fragwürdige Studien ab.

Und jetzt geht auch Andreas Kunz von der Weltwoche zum Frontalangriff auf linke Journalisten über: er wühlt im Privatleben der Journalisten und stellt ihnen Fragen zu ihrem politischen Standpunkt. Einerseits ist es belustigend, dass Kunz sich von diesem hemdsärmligen Vorgehen, das an den lächerlichen Fragebogen der SVP erinnert, irgendwelche Erkenntnisse verspricht. Der Fragebogen der Weltwoche sieht wie folgt aus:

Sehr geehrter ………
Im Nachgang zur Nationalratskandidatur von Tagesschau-Redaktor Matthias Aebischer machen wir bei der Weltwoche eine Umfrage bei den wichtigsten SRF-Info-Redaktoren. Im Sinne einer Herstellung von Transparenz gegenüber den Gebührenzahlern möchten wir Ihnen gerne folgende Fragen stellen:

- Sind Sie Mitglied einer politischen Partei? Und wenn ja, in welcher?

- Waren Sie jemals Mitglied einer politischen Partei? Und wenn ja, in welcher?

- Waren Sie jemals auf eine andere Art und Weise politisch aktiv? Und wenn ja, wie?

- Sind Sie oder waren Sie jemals Mitglied in einer wirtschaftlichen Vereinigung oder einem NGO? Und wenn ja, in welcher?

- Sind Sie oder waren Sie jemals aktives Mitglied in einer gewerkschaftlichen Vereinigung? Und wenn ja, in welcher?

Bei Rückfragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung. Für eine Antwort bis spätestens nächsten Montag wäre ich Ihnen dankbar.

Herzlich
Andreas Kunz, Ressortleitung Gesellschaft
DIE WELTWOCHE

Die drei Gewerkschaften SSM, Syndicom und Impressum protestieren gegen die Fragebogen-Aktion: «Die Weltwoche greift damit in die Privatsphäre und die verfassungsmässig garantierten Freiheitsrechte der Journalisten ein. Sie macht die falsche Gleichung, dass jeder Journalist seine professionelle Arbeit nach seinen eigenen persönlichen politischen Präferenzen ausrichten. Wir fragen: Wo sind da die Grenzen? Müssen sich in Zukunft Journalisten auch über ihre Religion ausweisen, weil auch religiöse Fragen Gegenstand der journalistischen Arbeit sind?»

Die Gewerkschafter kritisieren: «Die Weltwoche gibt vor, Transparenz herstellen zu wollen. Es sei daran erinnert, dass ausgerechnet bei der Weltwoche die finanziellen Hintergründe alles andere als offen und klar sind.»

Und die Journalisten-Vertreter erinnern zu recht: «Als einst Norbert Hochreutener für die CVP und Anton Schaller für den Landesring und Filippo Leutenegger für die FDP in den Nationalrat wechselten, gab es keine Folgerungen und Diffamierungen, die Redaktionen der SRG seien einseitig bürgerlich ausgerichtet.»

Die Stellungnahme der drei Gewerkschaften schliessen mit einem Appell: «Wir bitten Sie als Journalisten, diese Aktion der Weltwoche gegenüber Berufskolleginnen und Kollegen zu hinterfragen und allenfalls dagegen zu protestieren.»

Sonntag, 20. Februar 2011

Marc Augé und die «Übermoderne»

Tageszeitungen informieren heute kaum mehr über interessante Neuerscheinungen. Nur die NZZ erwähnte beiläufig in einem Feuilleton-Artikel, dass das Standardwerk «Nicht-Orte» des französischen Anthropologen Marc Augé jetzt deutsch übersetzt wieder erhältlich ist. Bevor Marc Augé in seinem Buch erklärt, was «Nicht-Orte» (non-lieux) sind, beschreibt er das Konzept der «Übermoderne» (surmodernité). Die Übermoderne, wie sie Augé versteht, ist die «Kehrseite der Postmoderne». Unsere Zeit ist für den Anthropologen gekennzeichnet durch ein Übermass an Zeit (surabondance événementielle), ein Übermass an Raum (surabondance spatiale) und eine grassierende Individualisierung (individualisation des références):

- Die Geschichte beschleunigt sich. Epochen, die immer weniger weit zurückliegen, werden musealisiert – nach den 60er und 70er Jahren auch die 80er und 90er. Gleichzeitig erleben wir eine immer grössere Zahl von unvorhersehbaren Ereignissen wie der Fall der Berliner Mauer oder – aktuell – die Aufstände in arabischen Ländern. Diese «Überfülle der Ereignisse» macht es laut Augé schwierig, unsere Zeit zu denken.

- Als Korrelat zur Verkleinerung des Planeten konstatiert Marc Augé ein «Übermass an Raum». Die Verkehrsmittel werden immer schneller, die Distanzen scheinen immer kürzer zu sein. Am Fernsehen sehen wir Ereignisse vom anderen Ende der Welt. Als Folge dieses «Übermasses an Raum» sieht der französische Wissenschaftler eine Vermehrung von «Nicht-Orten». Darunter versteht er sinnentleerte Orte wie Autobahnen, Flughäfen, Einkaufszentren oder Flüchtlingslager (mehr dazu in einem späteren Blogpost).

- Das dritte Thema der Übermoderne ist laut Marc Augé die zunehmende Individualisierung, oder besser gesagt, die zunehmende Wichtigkeit der «individuellen Sinnproduktion», wie der Anthropologe es ausdrückt.

Paradox an dieser Entwicklung ist für Marc Augé:

«Im selben Augenblick, da die Einheit des irdischen Raumes denkbar wird, verstärkt sich auch der Lärm der Partikularismen, all derer, die für sich bleiben wollen, oder derer, die nach einem Vaterland suchen, als wären der Konservativismus der einen und der Messianismus der anderen dazu verdammt, dieselbe Sprache zu sprechen: die des Bodens und der Wurzeln.»

Welche Folgen sich daraus für die Politik ergeben, lässt Marc Augé offen. Für ihn ist jedoch klar:

«Die Welt der Übermoderne hat nicht dieselben Masse wie die Welt, in der wir zu leben glauben, denn wir leben in einer Welt, die zu erkunden wir noch nicht gelernt haben. Wir müssen neu lernen, den Raum zu denken.»

Marc Augé: Nicht-Orte. Verlag C.H. Beck 2010.

Dienstag, 8. Februar 2011

Gram Parsons und die Louvin Brothers

Mit letzter Kraft schleppe ich mich kurz vor Ladenschluss in den besten Plattenladen der Stadt, Buzz Maeschis «16 Tons». Da strahlen mich doch die Louvin Brothers, Charles und Ira, aus einer Plattenkiste an. «The best of the early Louvin Brothers» für nur 20 Kröten. Ich kauf das Teil und trage es stolz heim. Lege es irgendwann am Abend auf den Plattenteller. Auf Seite 2 ein musikalisches Aha-Erlebnis:

«That will be cash on the barrelhead, son. You can take your choice, you're twenty-one.»

Zweistimmiger Gesang, rasiermesserscharf, der Bass wummert, dazu perlende Läufe von Ira Louvins Mandoline. Das hab ich doch schon mal gehört. Auf seiner legendären, posthum erschienenen Solo-LP «Grievous Angel» gab Gram Parsons «Cash on the Barrelhead» zusammen mit Emmylou Harris zum besten, als Teil eines fiktiven «Medley Live From Northern Quebec», mit übermütiger Band und leicht albernem Studio-Beifall.

Doch erst als ich die in Buzz' tollem Plattenladen erstandene Louvin-LP hörte, wurde mir so richtig klar, dass Gram Parsons mehr als jeder andere Musiker dafür getan hat, die Musik der Louvin Brothers zu neuem Leben zu erwecken. Das hat er schon getan, als er kurzfristig ein Mitglied der Byrds war. Auf der LP «Sweetheart of the Rodeo» haben die Byrds den Louvin-Song «The Christian Life» aufgenommen. Zwar durfte Gram ihn nicht singen, doch die Wahl des stimmungsvollen Countrysongs im Dreivierteltakt geht auf sein Konto.

Gram Parsons coverte die Louvin-Songs nicht nur: Er übernahm und aktualisierte die Idee des Close-Harmony-Gesangs der Brüder und sang zusammen mit Emmylou Harris Duette von unvergänglicher Schönheit. Zu Recht erscheinen Emmylou und Gram auf der Telegraph-Liste «50 Best Duets Ever» auf Platz 13 mit Grams berührendem Meisterwerk «In My Hour Of Darkness». Von mir aus könnte der Song problemlos den ersten oder zweiten Platz auf der Liste einnehmen, vor John Travolta und Olivia Newton-John, und auch vor Peter Gabriel und Kate Bush, ex aequo mit dem eigenwilligen und ebenfalls genialen «Some Velvet Morning» von Lee Hazlewood und Nancy Sinatra.

Wie immer, wenn ich eine gute Platte gekauft habe, google ich den Namen der Musiker. Und da sehe ich doch, dass Charles Louvin vor einer Woche im Alter von 83 Jahren gestorben ist. Ira kam schon vor 46 Jahren bei einem Autounfall ums Leben, womit auch der Harmoniegesang der Louvin Brothers Geschichte war. Man könnte auch sagen: rechtzeitig, um es Gram und Emmylou zu ermöglichen, dem Wort Harmoniegesang eine neue Bedeutung zu geben.

Wer die Louvin Brothers kennen lernen möchte, hat jetzt die Gelegenheit dazu, nicht in Buzz' Plattenladen, sondern auf DRS3, das vorgestern eine sehr gut zusammengestellte Louvin-Brothers-Sendung brachte anlässlich Charles Louvins Tod. Neben vielen Original-Louvins-Einspielungen zeigt die Sendung auch, was Gram Parsons und Emmylou Harris aus dem Erbe der Louvins gemacht haben.