Montag, 18. Oktober 2010

Zwei Gesichter der Suonen

Suonen, die Walliser Wasserleitungen, sind immer gut für eine spannende Wanderung. Was mich dabei besonders fasziniert, ist der jähe landschaftliche Gegensatz, den man beim Abschreiten erlebt. Zuerst der sanfte Weg am sonnigen Hang entlang, mit Schafherden, Weinbergen, saftigem Gras, alten Walliserhäusern undsoweiter:

Tant de balades époustouflantes peuvent se faire le long des bisses, de ces canaux d'irrigation qu'on trouve partout en Valais. Bien souvent, en marchant au bord des bisses, le randonneur est témoin d'un contraire étonnant: D'abord le bisse traverse des prés ensoleillés avec des troupes de moutons aux nez noirs, et parfois des vignes:

Visperi (Nanztal)
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Rohrbergeri (Nanztal)
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Bisse de Sillonin (Vallée de la Liène) 
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Bitscheri (Massaschlucht) 
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Bitscheri (Massaschlucht) 
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Dann macht die Suone einen 90-Grad-Knick und man steht mitten in einer senkrecht abfallenden Felswand. Nur Schwindelfreie gehen weiter. Gefährlich ist es nicht wirklich, aber man sollte schon aufpassen, wohin man seinen Fuss setzt, denn unmittelbar neben der Suone geht es oft 200 Meter hinab, ohne Chance, sich irgendwo festzuhalten:

Ensuite le bisse se tourne brusquement et décrit un angle de 90 degrés. Et tout de suite, le randonneur se retrouve au milieu d'une paroi rocheuse aux pentes vertigineuses. Là il faut être prudent, car immédiatement près du chemin la paroi tombe souvent 200 mêtres vers le fond de la gorge de laquelle la bisse va transporter l'eau vers les prés ensoleillés. Si on tomberait ici, ce serait fini:

Wyssa (Gredetschtal)

Wyssa (Gredetschtal)

Riederi (Massaschlucht) 
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Ladu-Süe (Jolital)

Grand Bisse de Lens (Vallée de la Liène) 
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Fotos: Andreas Gossweiler

Samstag, 9. Oktober 2010

Beissen Blogger die Hand, die sie füttert?

Blogger sind Wiederkäuer: Mein Befund fand ein grosses Echo. Mit vielen Beispielen konnte ich empirisch belegen, dass sich Blogger gern bei den professionellen Medien bedienen, die sie so gern schmähen. Amerikanische Wissenschaftler haben sich mit dem gleichen Thema befasst. Und sie sind zum gleichen Resultat gekommen.

Bryan Murley, Spezialist für Neue Medien an der Eastern Illinois University und Chris Roberts, Medienwissenschaftler an der University of Alabama veröffentlichten die Studie «Biting The Hand That Feeds: Blogs and Second-Level Agenda Setting». Murleys und Roberts' Befunde wurden in Schweizer Blogs unterschlagen, weil sie nicht zum Selbstbild der Blogger passen. Die Arbeit erschien vor fünf Jahren, ist aber immer noch aktuell. Denn was heute in der Schweizer Blogsosphäre abläuft, ist ein Echo dessen, was vor fünf oder zehn Jahren in den USA lief. Murley und Roberts schreiben:

«Blogger sehen sich als fünfte Macht und als Ausgleich zu den sogenannten Mainstream-Medien. Blogger prahlen gerne, sie könnten die politische Agenda beeinflussen, so wie das früher nur die Mainstream-Medien konnten.»

Die Forscher wollten herausfinden, ob dieses Selbstbild den Tatsachen entspricht. Sie untersuchten die 20 beliebtesten US-Blogs – Gawker, Gizmodo, Michelle Malkin und andere – während drei Tagen:

«Die Analyse der Blogs zeigt, dass Blogger oft Inhalte der Mainstream-Medien wiedergeben und Agenda-Setting auf einer zweiten Ebene betreiben. Fast die Hälfte (49 Prozent) der untersuchten Posts haben mindestens einen Link zu einem Mainstream-Medium. Bei politischen Blogs sind es sogar 56 Prozent. Das beweist, dass Blogger stark abhängig sind von den Mainstream-Medien für einen grossen Teil des Lesefutters, aus dem ihre Webseiten bestehen.

Ausserdem entsprechen viele der Themen in den Blogs denjenigen Themen, die vorher oder gleichzeitig in den Mainstream-Medien diskutiert wurden – ob John Bolton als US-Botschafter bei der UNO nomininert werden soll, oder ob der republikanische Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus Tom DeLay sich unethisch verhalten habe. Eine Geschichte der Mainstream-Medien über die Musik in Präsident Bush's iPod wurde gleichzeitig in acht Blogs kommentiert.»

Für die Forscher ist klar:

«Die meisten Blogs hätten wenig zu sagen, wenn sie nicht Themen aus den Mainstream-Medien beziehen könnten.»

Murley und Roberts gingen auch der Frage nach, warum die Blogs so stark abhängig sind von den professionellen Medien. Ihre Antwort lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig:

«Die meisten Blogs stellen sehr wenig eigene Recherchen an. Nur sechs Prozent aller Blogeinträge enthalten selbst recherchiertes Material. Bei Politik-Blogs sind es sogar nur fünf Prozent.»

Das Fazit der beiden Medienwissenschaftler:

«Blogger sehen sich gerne als Instanz, die unabhängig ist vom Agenda-Setting der Mainstream-Medien. Doch in Tat und Wahrheit folgen sie oft Geschichten, die Reporter der Mainstream-Medien ausgegraben haben. Wenn Blogs eine Rolle haben im Agenda-Setting, ist es eine auf der zweiten Ebene – indem sie Geschichten weiter verbreiten, die die traditionellen Medien lanciert haben. Blogger sind stark abhängig von den Mainstream-Medien für einen grossen Teil ihrer Blog-Einträge. Blogger sagen uns, was wir über Themen denken sollen, von denen andere gesagt haben, dass wir darüber nachdenken sollen.»

Weil das so ist, wird auch klar, warum viele Blogger so nervös werden, wenn jetzt professionelle Medien wie das Magazin Paywalls hochziehen: Ihnen droht schlicht und einfach der Stoff auszugehen.

Freitag, 1. Oktober 2010

Die tätowierte Langspielplatte

Tattoo in der Auslaufrille: Die LP «Emitt Rhodes» von – richtig geraten – Emitt Rhodes. (Foto: Bobby California. Click to Enlarge)

Vinylplatten haben viele Vorteile gegenüber CDs und MP3s: Sie sind ein viel sinnlicheres Medium, gehen weniger schnell kaputt, klingen besser und sind schöner verpackt. Und man kann sie tätowieren.

Mir wurde erst heute bewusst, dass ich eine tätowierte Platte besitze. Es ist die erste Soloplatte des amerikanischen Pop-Genies Emitt Rhodes. Nie hat jemand so breitenwirksame Musik gemacht, die so wenig Breitenwirkung hatte. Und deshalb kennt heute kaum jemand noch Emitt Rhodes. Obwohl seine melodiöse, leicht monomanische Musik sicher vielen Menschen gefallen würde.

Hinter dem Tattoo auf Emitt Rhodes' erster Soloplatte verbirgt sich eine menschliche Tragödie. Rhodes war ein Allround-Künstler: Er schrieb nicht nur alle seine Songs selber. Er nahm auch alle Instrumente bei sich zuhause selber auf und sang dazu. Rhodes war kein Virtuose, aber er spielte gut Piano, Gitarre, Bass und auch Schlagzeug. Er amtierte auch als Produzent und Toningenieur. Er ging also ähnlich vor wie Paul McCartney bei seinen ersten Soloalben. Die Musik klingt auch (gelinde gesagt) nicht unähnlich. Doch Emitt Rhodes ist kein Epigone: Er hat seine Soloplatten aufgenommen, bevor Paul McCartney dasselbe tat.

Die Plattenfirma Dunhill nahm Emitt Rhodes 1968 unter Vertrag. Sie zwang dem Multitalent einen absolut katastrophalen Vertrag auf: Dunhill verlangte nämlich von Rhodes, dass er sechs Alben ablieferte – verteilt auf drei Jahre! Emitt Rhodes musste also jedes Jahr zwei LPs aufnehmen, um den Vertrag zu erfüllen. Ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man alles selber macht. Rhodes schaffte nur ein Album pro Jahr. Er nahm für Dunhill drei fantastische LPs auf. Dann war er ausgebrannt. Die Plattenfirma hatte ihr Wunderkind ausgepresst wie eine Zitrone – und sie verklagte es zum Dank noch wegen Vertragsbruchs. Nach drei Jahren Arbeit für Dunhill war Emitt Rhodes ein psychisches Wrack, und er ist es heute noch.

Und so kam das dekorative Tattoo auf die Platte: Die Musikergewerkschaft verlangte, dass alle Platten in professionellen Studios aufgenommen werden. Emitt Rhodes lag quer mit seinem Heimstudio. Deshalb durfte auf der Plattenhülle kein Hinweis erscheinen, dass Rhodes die Musik zuhause aufgenommen hatte. Dafür konnte er den Cutting Engineer überreden, ein Tattoo in die Auslaufrille zu ritzen mit dem Text: RECORDED AT HOME.

Mixdown-Engineer der LP war übrigens Curt Boettcher, der ebenso geniale kalifornische Musiker, der diesem Blog den Namen gegeben hat.


Balade dans l'Hérault







Nirgendwo gleicht Frankreich mehr dem Wilden Westen als im Hérault. Die Landschaft ist weit, schroffe Berge am Horizont, alles sieht ein bisschen schäbig und verschlafen aus. Endlose Schlangen von leeren Tankwagen stehen in der Prärie. Die Bahnhofuhr von Paul Garnier Paris zeigt die stehen gebliebene Zeit an. Das Essen in der einzigen Beiz, die offen hat, ist soso-lala, die Bedienung ist freundlich. Der Hérault ist nicht meine Lieblingsregion, hat aber seinen eigenen Reiz.

Fotos: Bobby California

Dienstag, 7. September 2010

Platten mit Randy-Newman-Coverversionen sind gute Platten

Das Vorgehen ist ganz einfach: Man sucht Platten (wenns sein muss, CD's), die Coverversionen von Randy Newman-Songs enthalten. Der Clou dabei ist, dass nur Musikerinnen und Musiker, die sehr geschmackssicher waren – oder wenigstens gut beraten – Newman-Coverversionen aufnahmen. Hier sind einige davon:

Alan Price: «A Price on His Head» (1967)
Das zweite Solowerk des früheren Animals-Organisten enthält nicht weniger als sieben Newman-Kompositionen: das zauberhaft melancholische und selten gecoverte «Come and Dance With Me», die flott arrangierte Abnabelungs-Hymne «So Long Dad», das relativ bekannte «No One Ever Hurt So Bad» mit extrem flottem Bläser-Arrangement, das lustige «Tickle Me», das zauberhaft melancholische «Living Without You», das herrlich dekadente «Happy Land» und das ebenso grossartige «Biggest Night Of Her Life». Dazwischen streute Alan Price Selbstkomponiertes und andere fantastische, geschmackvoll ausgewählte und perfekt eingespielte Coverversionen wie «On This Side Of Goodbye» von Goffin/King. Die Wahrheit ist: Alan Price war ein Singles-Mensch, kein LP-Künstler. Seine LPs wirken wie Zusammenschnitte von Singles. Dennoch lohnt sich der Erwerb dieses Teils sehr. Ich habe dafür an einer Plattenbörse 60 Kröten bezahlt und die Platte ist jeden Rappen wert.

Dusty Springfield: Dusty in Memphis (1969)
Ein Meisterwerk, if there ever was one. Eine LP aus einem Guss. Die Songs bauen einen Spannungsbogen auf, der mich bei jedem Hören wieder erstaunt und Gänsehaut verursacht. Darin enthalten sind zwei Randy-Newman-Songs: das erheiternde «I Don't Want To Hear It Anymore» (über zu laute Nachbarn und «viel zu dünne Mauern»). Begleitet wurde die geniale Sängerin von der Crème de la Crème der Sessionmusiker aus Memphis. Höhepunkte sind nicht die Newman-Nummern, sondern das wohlbekannte und dennoch immer wieder gern gehörte «Son Of A Preacher Man» und das explosive «Don't Forget About Me» (von Goffin/King), wo die Memphis-Musiker richtig loslegen. Seite 2 beginnt mit einer fantastischen Interpretation von Randy Newman's «Just One Smile». Dann ist das Pulver verschossen. Aber was für ein Pulver. Das ist eine der Platten, die in jeden Haushalt gehören.

Everly Brothers: «Roots» (1968)
Als die Everly Brothers «Roots» für die Plattenfirma der Warner Brothers aufnahmen, war ihre beste Zeit schon lange vorbei. Niemand wollte eine solche Platte kaufen. Das Publikum wusste einfach nicht, was es davon halten sollte: Zwei alternde, immer noch buspere Teeniesänger wurden vom genialen Warners-Produzenten (und Newman-Freund) Lenny Waronker auf eine Reise zu ihren «Roots» geschickt. Don und Phil Everly sangen also eine Handvoll geschmackvoll ausgelesener Country-Songs aus der Feder von Merle Haggard, Glen Campbell oder Jimmie Rodgers. Darunter mischte Waronker spacige Steel Guitars, Wah-Wah-Gitarren... und Randy Newmans Song «Illinois». Newman begleitete die Everlys persönlich am Piano. Perlende Arpeggien und trockene Drums unterlegen den Unisono-Gesang. Der Song wirkt inmitten der Country-Songs denkbar fremdartig. Dass die Platte in den Gestellen liegen blieb, ist verständlich. Aber es ist trotzdem ungerecht.

Ella Fitzgerald: «Ella» (1969)
Die legendäre Jazzsängerin war 53, als sie diese Platte aufnahm. Die Auswahl der Stücke zeigt das Bestreben, das Repertoire zu modernisieren. Neben Soul-Songs wie Eddie Floyd's «Knock On Wood» und zwei Beatles-Songs hat Ella Fitzgerald auch zwei Newman-Nummern aufgenommen: das sarkastische «Yellow Man», über den «gelben Mann», der mutmasslich den ganzen Tag lang Reis isst, und das soulige «I Wonder Why». Ellas Stimme wirkt stellenweise ein bisschen corny, sie ist eine grossartige Sängerin, aber keine Soulröhre. Deshalb ist «Ella» keine ganz grosse, aber dennoch eine gute Platte.

Claudine Longet: «Love is Blue» (1968)
Diese Sängerin aus dem Stall des Easy-Listening-Moguls Herb Alpert hat heute nur noch Geheimtipp-Status. Doch diese Platte glänzt (abgesehen vom Gesang) mit solider Qualität. Der Spannungsbogen reicht vom Marlene-Dietrich-Cover «Falling In Love Again» über die Bee-Gees-Schmonzette «Holiday» und Bossa Novas bis zu Randy Newman's «Snow». Es gibt wenige Songs, die den Schnee so treffend beschreiben. Auch Claudine Longets ausdruckslose Stimme und ihr starker französischer Akzent können «Snow» nicht zerstören.

Beau Brummels: «Bradleys Barn» (1968)
Wie viele andere kalifornische Musiker fuhren die Beau Brummels (oder was von der Gruppe übrig geblieben war: Sänger Sal Valentino und Gitarrist Ron Elliott) 1968 nach Nashville. Country-Musik versprach Läuterung nach den psychedelischen Exzessen. Doch Sal und Ron entwarfen eine höchst eigenwillige Variante der Country-Musik. Puristen würden den Kopf schütteln. Das ändert nichts daran, dass diese Platte ganz grossartig gelungen ist. Sie besteht ausschliesslich aus Selbstkomponiertem, mit Ausnahme des letzten Songs auf Seite 2: Randy Newmans «Bless You California», ein furioser, verstörender Schlusspunkt eines ansonsten sehr stimmungsvollen, mal verträumten, mal aufgeräumten Song-Bouquets. Wie im Fall der Everly-Brothers-Platte wirkt Randy's Song hier wie ein faszinierender Fremdkörper. «Bless you California, you're the only state for me... So if I try to leave, please don't follow, cause I ain't really going anywhere.»

Van Dyke Parks: «Song Cycle» (1968)
Die Platte beginnt mit der besten aller Newman-Coverversionen: «Vine Street» in einer abgefahrenen Version mit wunderschönem Orchester und Schifferklavier. Eine genialisch arrangierte Westentaschen-Symphonie. Der Rest von Van Dyke Parks' erstem Opus kommt ähnlich faszinierend schräg rüber. «Song Cycle» ist die angenehmste aller unhörbaren Platten. Die Warner Brothers hatten bemerkenswerten Mut, dass sie sowas veröffentlichten. «Widows face the future, the factories face the poor»: Solche unverständlichen Texte, die Van ersann, brachten sogar Randy Newman zur Verzweiflung. Ich glaube nicht, dass ich diese Platte jemals ganz durchgehört habe. Das würde mich konfus machen. Dennoch möchte ich sie nicht missen.

Eric Burdon & The Animals: «Eric Is Here» (1967)
Eric Burdon liess sich von der Newman-Begeisterung seines Ex-Organisten anstecken: Auf seiner ersten Soloplatte nahm auch er einige Newman-Nummern auf, sie sind die Höhepunkte dieser Platte: Das oft gecoverte «Mama Told Me Not To Come» in einer schön verhallten, ausdrucksstark gesungenen Version. Darauf folgt «I Think It's Gonna Rain Today», auch verhallt, auch ausdrucksstark gesungen. «Human kindness is overflowing, and I think it's gonna rain today.» Einfach schön! Der Regen strömt auf jeden Fall, bei der «human kindness» wäre ich da weniger sicher. Auf Seite zwei findet sich der satirische Newman-Song «Wait Till Next Year». Der Rest fällt ab.

Scott Walker: «Sunshine» (1973)
Dem für düstere Stimmungen bekannten Scott Walker gings gut, als er diese Platte aufnahm. Er lächelt sogar auf dem Umschlag und besingt den «Sunshine». Natürlich nur, um dem Sonnenschein zu sagen, er solle gefälligst verschwinden. Der zweite Song auf Seite 1 ist «Just One Smile», das Scott nicht weniger ergreifend rüberbringt als Dusty. Die Songauswahl ist brillant und umfasst auch «A Woman Left Lonely» der Memphis-Urgesteine Oldham/Penn und Bill Withers' moderat funkiges «Use Me». Eine Platte wie ein goldener Septembertag: Bald wird es düster und kalt, Scott hat das schon immer gewusst, aber noch einmal gilt es, dem Leben ein paar letzte sonnige Momente abzugewinnen. Mit Randy Newman's «I'll be Home» klingt Seite 2 aus.

Freitag, 27. August 2010

Ein kluger Arzt redet Klartext

Immer wieder stimmen die Apostel des Internets das Loblied der grenzenlosen Information an. Sie sei für alle rund um die Uhr gratis verfügbar – dank des Internets. So jubelte ein gewisser «David» im Kommentarfeld des Medienspiegel:

«Das Internet hat mir eine Welt geöffnet, die mir vor 20 Jahren verschlossen geblieben wäre. Ich lese die interessantesten Artikel... ich verpasse die besten Sendungen nicht... ich kann mich dann in ein Thema vertiefen, wenn es mir unter den Nägeln brennt... ich finde Thesen und Meinungen, die nie in der Zeitung stehen würden.»

Zum Glück gibt es auch besonnene Stimmen. Auf kluge Art hat sich der Ostschweizer Arzt Etzel Gysling geäussert – in seinem Fachblatt pharma-kritik. Weil dieses Blatt eine relativ kleine Leserschaft hat, weil Etzel Gyslings Gedanken es wert sind, ein breiteres Publikum zu finden, und weil er Themen anschneidet, die die Internet-Apostel nur zu gerne gerne ausser Acht lassen, fasse ich die wichtigsten Gedanken zusammen. Was Gysling über sein Spezialthema – Arzneimittelinformation im Internet – sagt, gilt sinngemäss auch für alle anderen Themen.

(Un)abhängigkeit
«Das Ideal einer vollständigen Unabhängigkeit von Sponsoren ist verhältnismässig selten gegeben. Finanzielle Unterstützung (und Beeinflussung) seitens der Pharmaindustrie ist offensichtlich das grösste Handicap einer Informationsquelle. Man muss sich jedoch bewusst sein, dass auch andere Sponsoren – Behörden, Berufsverbände, Versicherungen – nicht selten Einfluss nehmen auf das Informationsangebot.»

Aktualität
«Informationsquellen, die wirklich up to date sind, finden sich auch im Zeitalter des Internets nicht in besonders grosser Zahl. Auch leistungsfähige Suchmaschinen wie Google führen uns häufig zu Adressen, an denen nur veraltete oder überholte Aussagen publiziert sind.»

Kostenpflicht
«In der Regel darf bei kostenpflichtigen Angeboten eher mit einer adäquaten Aktualisierung gerechnet werden... Zu den Kosten lässt sich etwas verallgemeinert sagen, dass oft nicht viel taugt, was nichts kostet.»

Anwendung
«Was den Anwendungs-Komfort anbelangt, darf man sich keiner Illusion hingeben. Ohne einen gewissen Aufwand seitens der Anwenderinnen und Anwender bringt auch die beste Adresse keine guten Resultate. Es liegt nicht in erster Linie am Internetzugang (der heute meistens ganz problemlos funktioniert), sondern vielmehr daran, dass man am richtigen Ort die richtigen Fragen stellt. Mit anderen Worten: Man muss sich erstens im Klaren sein, wo überhaupt vernünftige Chancen bestehen, dass man die gewünschte Information findet. Um dann die Informationsquelle optimal zu nutzen, ist es zweitens unerlässlich, dass man mit dem vorhandenen Angebot vertraut ist und auch eine gute Suchtechnik verwendet. Schliesslich ist auch daran zu denken, dass man oft in englischer Sprache suchen muss.»

Fazit: Der Arzt Etzel Gysling wägt in seinem Text sachlich die Vorteile und die Nachteile der Informationsflut im Internet ab. Er sagt auch, wie und wo zuverlässige Informationen auffindbar sind. Der Aufwand, um an diese Informationen heranzukommen, ist aber, wie Gysling zeigt, so gross, dass nur überdurchschnittlich gebildete (Fach-)Leute ihn betreiben können. Der grösste Teil der Menschen ist schlicht überfordert, wenn es darum geht, im Internet die Spreu vom Weizen zu trennen und verlässliche Informationen zu finden. Deshalb ist für die meisten Menschen das Internet keineswegs ein Ersatz für professionell aufbereitete Informationen, wie sie die traditionellen Medien anbieten.

Mittwoch, 11. August 2010

Megablöd


Die Gefühlskonserve ist das Blog des Münchner Kulturtäters Deef Pirmasens. Verglichen mit der Gefühlskonserve sehen die meisten Schweizer Blogs ziemlich alt aus. Deef Pirmasens ist der Blogger, der Helene Hegemanns Plagiat aufgedeckt hat. Von einem solchen Scoop können die Schweizer Blogger nur träumen.

Der Running Gag der Gefühlskonserve sind Fotos von Coiffeursalons mit birnenweichen Namen. Diese Rubrik gefällt mir ausgezeichnet. Deshalb ist es mir eine besondere Ehre, zu beweisen, dass die Schweizer Coiffeure ihren deutschen Kollegen in nichts nachstehen, wenn es gilt, schwachsinnige Namen für ihren Salon zu erfinden. Zwecks Beweisführung kupfere ich Deefs Rubrik ganz einfach ab, oder besser gesagt, ich helvetisiere sie.

Den Anfang macht das Foto eines Zürcher Coiffeursalons mit einem megablöden Namen. Hier zeigt sich archetypisch der Mechanismus, der zu birnenweichen Coiffeursalonnamen führt: Der Name darf mit dem Gewerbe möglichst wenig zu tun haben. Gut ja, der Fön ist ein Werkzeug des Coiffeurs. Aber das Megafon ist es wirklich nicht.

Foto: Bobby California